DGUF Newsletter Nr. 141 vom 01.10.2026
Inhalt
1.1 Deutscher Studienpreis für Archäologie 2026 für Alexander Veling
1.3 Bericht von der Verbandstagung in Bonn mit DGUF-Session zu studentischen Praktika
2 Tagungen und Veranstaltungen
2.1 Call for Sessions EAA 2027 (Leiden, 25.-28.8.2027; CfS bis 16.10.)
3.1 Neu im Early View der "Archäologischen Informationen"
3.2 Aktuelle Ausgrabungen und Forschung in den Medien
3.3 Oberösterreich: Was 500 Eisenbarren über Produktion und Handel der Latènezeit verraten
3.4 Niederösterreich: Bisher unbekannte römische Siedlung am Donaulimes entdeckt
3.5 Utrecht: spätantikes Odyssee-Fragment in Altbestand identifiziert
3.6 Homo sapiens als Ergebnis tiefreichender Vermischung
3.7 Tutanchamun: neue geophysikalische Hinweise auf mögliche weitere Räume
3.8 Lipari: Bronzezeitliche Fundstellen heute bis zu 42 Meter unter Wasser
3.9 Südwestchina: Neue Denisova-Fossilien und Einblicke in ihre Lebensweise
3.10 Nordrhein-Westfalen: Römischer Münzschatz aus Wesseling vorgestellt.
3.11 Trentino: Großes bronzezeitliches Zentrum der Kupferverhüttung entdeckt
3.12 Paris: Möglicher Stadtwall Lutetias entdeckt
3.14 Denisovaner, Neandertaler, Hobbits: Was, wenn unser Stammbaum falsch ist?
3.15 Arendsee: 10.500 Jahre alte bearbeitete Hölzer aus dem Mesolithikum
3.16 Albisheim: Neue Forschungsergebnisse zum spätbronzezeitlichen Prunkgrab
1.1 Bericht vom Treffen der AG CAA in Münster, 17.-18.9.
2.1 Aktuelles rund um Kulturgutschutz in den Medien
2.2 Deutschland und die Ratifizierung der UNESCO-Konvention zum Schutz des Unterwasser-Kulturerbes
2.3 Spanien: Großteil des bronzezeitlichen Schatzes von Villena gestohlen
2.4 USA: 22.000 Antiken sichergestellt: Kulturgutschutz und die Rolle von ICE
2.5 Kulturgutschutz im Krieg: Warum es an Regeln nicht fehlt – wohl aber an ihrer Durchsetzung
2.6 Flag Fen: Rettungsgrabung an bronzezeitlicher Holzanlage geplant
2.7 Australien: Ausmaß des indigenen Bevölkerungseinbruchs nach der Kolonisierung neu bewertet
3 Denkmalschutz und Denkmalpolitik
3.1 Novellierung Denkmalschutzgesetz Niedersachsen: Stille an der Oberfläche
3.2 Novellierung Denkmalschutzgesetz NRW: neues Gesetz in Kraft, keine Ausführungsbestimmungen
4.1 Experimentalarchäologe Harm Paulsen verstorben
4.2 Thomas Rose mit 37 Jahren verstorben
4.3 Semesterstart: Orientierungshilfen für Archäologie-Studierende
4.4 Technopolis-Studie: "Aktuelle Lage der Geistes- und Kulturwissenschaften in Deutschland"
1 Bürger und Archäologie & Citizen Science
1.1 Die Geschichten hinter dem Piepton erzählen
2.1 Aktuelles rund um Ausstellungen und Museen in den Medien
2.2 Archäologisches Landesmuseum Mecklenburg-Vorpommern: Standort weiter offen
3.1 Nutzerumfrage des FID Altertumswissenschaften – Propylaeum (bis 30.10.)
3.2 Neuer Rekord: Google Maps schickt griechischen Krieger auf zehnjährigen Umweg
1 DGUF-Nachrichten
1.1 Deutscher Studienpreis für Archäologie 2026 für Alexander Veling
Mit dem diesjährigen DGUF-Studienpreis wird Alexander Veling M.A. für seine an der Freien Universität Berlin eingereichte Dissertation "Doing Post-Roman Community. Eine Praxeographie von Bestattungen des 4.–6. Jhs. an Rhein und Donau" ausgezeichnet. Darin untersucht Veling rund 1.600 Körperbestattungen des 4. bis 6. Jahrhunderts und fragt, wie durch Bestattungspraktiken soziale Unterschiede, Zugehörigkeiten und Gemeinschaften hergestellt werden. Mit dem bislang in der Archäologie nur wenig genutzten praxeologischen Ansatz eröffnet er neue Perspektiven auf die Entstehung nachrömischer Gesellschaften. Besonders deutlich wird dies am Wandel der Bestattungspraktiken: Während Gräber im 4. und frühen 5. Jahrhundert gesellschaftliche Strukturen eher abbilden, tragen sie im späten 5. und 6. Jahrhundert zunehmend aktiv zu deren Herausbildung bei. Die Arbeit verbindet damit methodische Innovation mit präziser archäologischer Befundauswertung. Alexander Veling legt mit seiner Dissertation nicht nur eine herausragende Studie zur Spätantike und zum frühen Mittelalter vor – er erweitert zugleich das methodische Repertoire der Archäologie und eröffnet neue Wege für die Sozialarchäologie insgesamt. Die Preisverleihung findet am 7.11. um 10:00 Uhr in Leipzig im Rahmen der Messen denkmal und MUTEC statt. Die Laudatio hält Dr. Stefan Burmeister (Museum und Park Kalkriese).
1.2 DGUF-Jahrestagung 2026: "Zwischenbilanz Lineare Projekte: Chancen, Learnings, Verbesserungspotenziale" (Leipzig, 6.11.; Anmeldung bis 22.10.)
Lineare Projekte wie z.B. die A4 Kassel - Dresden - Görlitz, die A20 Ostseeautobahn, die B6n, die NEL Pipeline oder die Ethylen-Pipeline Süd haben die Archäologie in Deutschland insbes. seit der Wende 1989 stark beschäftigt. Ein Ende ist nicht absehbar, im Gegenteil: Insbesondere die Energiewende geht mit zahlreichen weiteren Trassenbauten und -planungen einher, z.B. SuedLink, SuedOstLink, A-Nord/Ultranet. Was haben wir im Rückblick aus drei Jahrzehnten Trassenarchäologie methodisch und strukturell gelernt? Was lernen wir in den laufenden Planungsprozessen? Was folgt daraus für die Zukunft? Die Tagung möchte zusammentragen, welche übergreifenden Erkenntnisse für Planer und Investoren, Fachfirmen, Denkmalbehörden und Forschende gewonnen wurden. Unter den Vorträgen: Dr. Jörg Bofinger (LfD) & Marco Schrickel M.A: (LfD): "Lineare Projekte in Baden-Württemberg - Chancen und Risiken für die Landesarchäologie in Südwestdeutschland", Dr. Harald Stäuble: "30 Jahre Lineare Großprojekte am LfA Sachsen", Dr. Stefanie Berg (BLfD): "Erfahrungen bei Linearen Projekte in Bayern in den letzten 25 Jahren", Dr. Holger Hitgen (TenneT TSO GmbH) & Dr. Jürgen Obmann (BLfD): "Grundlagen zur Umsetzung der bodendenkmalpflegerischen Maßnahmen im Erdkabelprojekt SuedOstLink in Bayern", Sascha Piffko M.A., MCIfA (SPAU GmbH, Münzenberg): "Megaprojekte: Traum oder Alptraum?" und Anna Anzenberger M.Sc. (Archäologisches Büro Anzenberger & Leicht GbR, Furth), Falk Näth M.A: (denkmal3D GmbH & Co. KG, Vechta) & Stephan Winkler M.A.: (Archäologieberatung Winkler KG, Münster): "Vergeben und Vergessen 2.0. Warum wir in der Archäologie immer noch falsch ausschreiben." – Die Jahrestagung der DGUF findet eingebettet in die Messen "denkmal" und MUTEC in Leipzig (5.-7.11.) statt, und zwar am Freitag, 6.11. Die DGUF erhebt keine Tagungsgebühr, Teilnehmer müssen aber einen (ermäßigten) Eintritt in die Messe entrichten. Die DGUF bittet um eine Anmeldung zur Tagung bis spätestens 22.10. an
Tagungswebsite mit Programm und organisatorischen Hinweisen: https://www.dguf.de/tagungen-events/tagungen/aktuelle-tagung
1.3 Bericht von der Verbandstagung in Bonn mit DGUF-Session zu studentischen Praktika
Vom 21.-25.9. fand in Bonn die vom WSVA und der rheinischen Landesarchäologie ausgerichtete Jahrestagung der drei Altertumsverbände statt. Angemeldet waren ca. 300 analoge Teilnehmer und ca. 50 digitale Teilnehmer. Unter diesem Dach führten auch sieben AGs ihr jährliches Treffen durch. Am Dienstag stellte auf der DGUF-Session "Praktika im Archäologie-Studium" der DGUF-AK "Studentische Belange" die Ergebnisse der DGUF-Umfrage zu Praktika im Archäologie-Studium vor. Danach absolvieren die ca. 261 Antwortenden erheblich mehr Praktika als nach den jeweiligen Regelwerken verpflichtend sind, im Mittel insgesamt 16 bis 18 Wochen. Das Thema Ausgrabung dominiert bei weitem, nur ca. 9 % der Praktika finden als Museumspraktika statt, ca. 5 % im Innendienst einer Amtsarchäologie. Etwa 85 bis 90 % der Praktika sind unbezahlt bzw. erfolgen gegen eine Aufwandsentschädigung, nur bei den Firmen wird in 60 % aller Fälle nach Mindestlohn oder mehr bezahlt. Das Thema Bezahlung / Finanzen spielt für die Studierenden gemäß der Freitextantworten eine große Rolle. Die Studierenden bewerten die von ihnen absolvierten ca. 617 Praktika im Durchschnitt mit "gut" (2,1), wobei es zwischen Lehr-, Amts- und Firmengrabungen keinen wesentlichen Unterschied gibt. Sascha Piffko, Inhaber der SPAU GmbH, legte in seinem Vortrag "Was mache ich morgen mit dem Praktikanten? Das Betriebspraktikum aus Arbeitgebersicht" dar, welchen Betreuungs- und materiellen Aufwand ein gutes Praktikum arbeitgeberseitig erfordert. Daher – so Landesarchäologe Erich Claßen in seinem Vortrag – seien die Landesarchäologien eher an einem längerfristigen Mitwirken von Studierenden interessiert (meist 1 oder 2 Jahre), d.h. an (bezahlten) Vertragsverhältnissen statt Praktika. Doris Mischka, Univ. Erlangen, überraschte mit ihrem zahlengespickten Vortrag, der die Praktika-Realität und die Wünsche der Arbeitgeber nach (noch mehr) praktikumserfahrenen Absolventen mit den Regularien des Bologna-Systems abglich: Schon jetzt würden - studienzeitverlängernd - weitaus mehr Praktika absolviert als vorgesehen, womit das durch all die Studienpflichten gut definierte studentische Zeitbudget sowie die für viele notwendige studienermöglichende Erwerbsarbeit nochmals strapaziert werde. Mehr Praktikum sei kaum sinnvoll, weshalb die Debatte eher um die Inhalte und die Qualität als die Menge gehen solle. – Die nächste - wiederum gemeinsame - Verbandstagung findet 5.-8.10.2027 in Göttingen statt und wird vom NWVA ausgerichtet, einen "Deutschen Archäologiekongress" in klass. Form wird es 2027 nicht geben.
Tagungswebsite des WSVA: https://wsva.net/tagungen/
Website DGUF-Session: https://www.dguf.de/component/content/article/dguf-session-praktika-im-archaeologiestudium
1.4 Unter den DGUF-Rezensionsangeboten: Christian Harb: Die Pfahlbaufrage. Ein Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte und zur Rekonstruktion von Feuchtbodensiedlungen
Unter den zahlreichen Publikationen, welche die Herausgeber der "Archäologischen Informationen" zur Rezension ausschreiben, sei diesmal auf einen im Mai erschienenen Band hingewiesen. Aus dem Klappentext: "Heute gelten die prähistorischen Pfahlbauten rund um die Alpen als die wichtigste Quelle zum Verständnis des Neolithikums und der Bronzezeit in dieser Region und sind deshalb seit 2011 Teil des UNESCO-Welterbes. Allerdings ist ihre Erforschung nicht einvernehmlich verlaufen. Lebten die Menschen damals am oder über dem Wasser? Errichteten sie ihre Gebäude im Wasser, auf dem Land oder auf wechselfeuchtem Untergrund? Diese sogenannte 'Pfahlbaufrage' wurde so kontrovers diskutiert, dass sie phasenweise zum Pfahlbaustreit eskalierte. […] Das vorliegende Werk zeichnet die über 170-jährige Forschungsgeschichte und die Entwicklung der Debatte nach. Dabei zeigt sich, dass einige auch heute noch etablierte Vorstellungen dringend zu hinterfragen sind […] Im Anschluss daran bietet das Werk einen Überblick über wichtige Indikatoren zur Interpretation von Feuchtbodensiedlungen, diskutiert diese im Detail und eignet sich so als Einstieg in die Problematik der Pfahlbaufrage. Schließlich folgen Empfehlungen für künftige Grabungen und Auswertungen." Wenn Sie Interesse an einer Rezension haben, richten Sie bitte Ihre Anfrage mit einer kurzen Begründung, weshalb Sie dieses Werk besprechen wollen, an:
Alle Rezensionsangebote der "Archäologischen Informationen" mit weiteren Informationen zu Modalitäten und Ablauf: https://www.dguf.de/fileadmin/user_upload/publikationen/AI/dguf-dok_arch-inf_rezensionsangebote.pdf
Christian Harb: Die Pfahlbaufrage. Ein Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte und zur Rekonstruktion von Feuchtbodensiedlungen. https://www.sidestone.com/books/die-pfahlbaufrage
2 Tagungen und Veranstaltungen
2.1 Call for Sessions EAA 2027 (Leiden, 25.-28.8.2027; CfS bis 16.10.)
The Call for Sessions for the 33rd EAA Annual Meeting in Leiden is open until 16 Oct. Subthemes of the conference are: " Shaping futures through the transformation of landscapes", "Land and water - maritime cultures and maritime cultural landscapes as connectors", "Material worlds: the role of objects in creating connections and realising ambitions", "Archaeology shaping the future: planet and society", "Heritage, participation and the science-society interface", and "Promoting a more diverse and inclusive discipline". EAA Annual Meetings usually have between 200 - 350 parallel sessions, and 2000 - 4500 papers / oral presentations within them.
https://www.e-a-a.org/EAA2027/sessions
2.2 EXPLORATE SEPULCRUM. Ausgrabung und Erforschung neuzeitlicher Friedhöfe (Brandenburg an der Havel, 5.-6.11.)
Durch die Wiederbebauung brachliegender Flächen von geschlossenen, neuzeitlichen Friedhöfen stehen Archäologen mittlerweile immer häufiger vor dem Problem sich mit Grablegen des 17.-19. Jh. auseinandersetzen zu müssen. Die Organisatoren laden Archäologen, Grabungstechniker, Anthropologen, Biologen und Historiker zu einem interdisziplinären Erfahrungsaustausch ein. Fragestellungen: Wie soll man solche Friedhöfe ausgraben? Was unterscheidet neuzeitliche von älteren Friedhöfen? Warum haben die Bestatteten so viele Beigaben erhalten, und wie geht man mit dem vielfältigen und häufig fragilen Fundmaterial um? Welche Traditionen und Bräuche liegen den Beisetzungen zugrunde und lassen sich konfessionelle Unterschiede erkennen? Was können uns Analysen und Untersuchungen der Verstorbenen über das Leben erzählen? Die Tagung will zugleich innovative Ansätze diskutieren und das Netzwerk der Forschenden zum Thema neuzeitliche Bestattungsplätze stärken. Die Tagungsanmeldung ist bis 16.10. erbeten, eine Tagungsgebühr von 25 Euro wird vor Ort bezahlt.
2.3 Nachhaltigkeit in der Archäologie – Verantwortung für Daten, Funde und Wissen (Leipzig/hybrid, 7.11.)
Archäologische Arbeit ist irreversibel. Nachhaltigkeit bedeutet die langfristige Sicherung, Nutzbarkeit und Sichtbarkeit von Funden, Daten und Forschungsergebnissen. Die Tagung von CIfA Deutschland will ein Forum für den fachlichen Austausch zwischen Denkmalpflege, Forschung, Grabungspraxis, Museen, Dateninfrastrukturen und Öffentlichkeit bieten. In neun Vorträgen geht es um die langfristige Sicherung, Nutzbarkeit und Vermittlung archäologischer Funde, Daten und Forschungsergebnisse. Die Tagung findet im Rahmen der Messe "denkmal" statt und wird hybrid angeboten.
CIfA Jahrestagung 2026: "Nachhaltigkeit in der Archäologie – Verantwortung für Daten, Funde und Wissen": https://cifa-deutschland.de/veranstaltungen/tagungen
3 Forschung
3.1 Neu im Early View der "Archäologischen Informationen"
Hofmann, D. (2026). Review of: Schauer, M. (2025). Was ist "La Hoguette" – Kultur, Phänomen, Subkultur? Archäologische Studien und portable, energiedispersive Röntgenfluoreszenzanalysen (p-ED-RFA) an Keramik zu einer altbekannten Frage. (Philippika - Altertumswissenschaftliche Abhandlungen, 183). Wiesbaden: Harrassowitz. Archäologische Informationen 49, Early View, published online 2 Oct 2026.
Gutsmiedl-Schümann, D. (2026). Rezension zu: Berg, M., Lorenz, A. & Oswald, K. (Hrsg.) (2025). Geschichte auf Instagram und TikTok. Perspektiven auf Quellen und Praktiken. (Medien der Geschichte, 8). Berlin: de Gruyter. Archäologische Informationen 49, Early View, online publiziert 25. Aug. 2026.
https://www.dguf.de/early-views
3.2 Aktuelle Ausgrabungen und Forschung in den Medien
"Mehr als 7.000 Jahre alt: Archäologen entdecken Leipzigs ältestes Grab" (MDR, 30.9.): https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen/leipzig/leipzig-leipzig-land/news-archaeologie-grab-,fund-ausgrabung-100.html
"La tombe de la dame de Vix n'a pas dit son dernier mot" (INRAP, 28.9.): https://www.inrap.fr/la-tombe-de-la-dame-de-vix-n-pas-dit-son-dernier-mot-20920
Vojvodina: "Minimalinvasiv in die späte Jungsteinzeit" (Universität Kiel, 23.9.): https://www.uni-kiel.de/de/cluster-roots/detailansicht/news/162-opovo
Dortmund: "Archäologen finden 2.000 Jahre alte Werkstatt" (WDR, 21.9.): https://www1.wdr.de/nrw/dortmund/ausgrabung-werkstatt-kaiserzeit-rom-100.html
"Sulawesi - Am Anfang war die Höhlenmalerei" (ARTE, 21.9.; Video, 55:01 Min.): https://www.arte.tv/de/videos/118245-000-A/sulawesi-am-anfang-war-die-hoehlenmalerei/
"Grieving for infants by primate and hominin mothers. Studies of nonhuman primates have documented days up to months of carrying infants after death" (John Hawks, 20.9.): https://www.johnhawks.net/p/grieving-for-infants-by-primate-and
"546 sépultures, datant du Moyen Âge, découvertes dans le cadre des travaux du canal Seine-Nord Europe" (France 3, 19.9.): https://france3-regions.franceinfo.fr/hauts-de-france/oise/546-sepultures-datant-du-moyen-age-decouvertes-dans-le-cadre-des-travaux-du-canal-seine-nord-europe-c-est-beaucoup-pour-un-contexte-rural-3413540.html
"Forscher finden Skelett mit abgeschlagener Nase. Ein jahrhundertealter Schädel einer Frau aus China deutet auf eine grausame Art der Bestrafung hin. Offenbar wurde ihr die Nase amputiert. Und danach lebte sie weiter" (Spiegel, 19.9.): https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/strafen-im-alten-china-forscher-finden-skelett-mit-abgeschlagener-nase-a-0528bc80-4b1d-42dd-8d71-41f35fe2b616
"Sensationsfund 2.400 Jahre alte Eichenbalken: Forscher rätseln über Kelten-Anlage" (BR24, 18.9.; Video, 7:48 Min.): https://www.youtube.com/watch?v=Wlo3QIwOIus
Sasamón: "Roman Kitchen Unearthed in Burgos" (Todo Alicante, 18.9.): https://www.todoalicante.es/english/ancient-roman-kitchen-unearthed-20260918040924-nt.html
"Aus der Wikingerzeit: Silberschatz in Finnland ausgegraben" (Geo, 17.9.): https://www.geo.de/wissen/weltgeschichte/wie-ein-finne-einen-schatz-aus-der-wikingerzeit-fand-38265802.html
"Wurde Nîmes durch die Cyprianische Pest entvölkert? Untersuchungen der Karbonatablagerungen des Aquädukts mit dem berühmten Pont du Gard geben Aufschluss über die Wasserversorgung der antiken Stadt Nîmes" (Universität Mainz, 16.9.): https://presse.uni-mainz.de/wurde-nimes-durch-die-cyprianische-pest-entvoelkert/
Thüringen: "Pferde auf Münzen: Keltischer Schatz im Ilm-Kreis gefunden" (MDR, 15.9.): https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/sued-thueringen/ilmenau-ilmkreis/fund-singen-,muenzschatz-kelten-100.html
"Ancient builders brought 25-tonne stones from 18km away to create Britain’s Devil’s Arrows stone row. Prehistoric Britons likely chose megalithic stones from sources holding personal meaning for them rather than sites offering logistical convenience" (The Independent, 9.9.): https://www.independent.co.uk/news/science/archaeology/devils-arrows-stone-row-origin-b3046961.html
Niedersachsen: "'Herausragende' Funde im Kreis Northeim: Steinzeit-Skelett an Suedlink-Trasse entdeckt2 (HNA, 7.9.): https://www.hna.de/lokales/northeim/moringen-ort78998/skelett-aus-der-jungsteinzeit-bei-grabungen-an-suedlink-trasse-entdeckt-94475787.html
"Ancient cave art discovery suggests first known humans in Ireland walked over from Wales" (BBC, 5.9.): https://www.bbc.com/news/articles/c5y75dl0jpko
Ägypten: "Siedlung mit Weinproduktion neben Sachmettempel in Memphis freigelegt" (Selkets Blog, 5.9.): https://blog.selket.de/aus-der-archaeologie/siedlung-mit-weinproduktion-neben-sachmettempel-in-memphis-freigelegt
Dänemark: "Hausbesitzer findet 18 Kilo Wikinger-Silber bei Terrassenbau" (Focus, 5.9.): https://www.focus.de/wissen/mensch/nur-ein-paar-stunden-harte-gartenarbeit-hausbesitzer-findet-18-kilo-wikinger-silber-beim-terrassenbau_d35b8742-be7b-47a6-87e5-77282ee76371.html
"Algorithmische Bildmuster- und Objekterkennung in der Landschaftsarchäologie" (Objekte. Digitalität. Hochschulen, 4.9.): https://archdigi.hypotheses.org/2367
" Who Were the Sea Peoples? And Did They Bring About the End of the Bronze Age?" (The Ancient Near East Today, 3.9.): https://ancientneareasttoday.substack.com/p/who-were-the-sea-peoples-and-did
"Tonnerre : de l’oppidum gaulois à la ville haute du XVe siècle (Yonne)" (INRAP, 3.9.): https://www.inrap.fr/tonnerre-de-l-oppidum-gaulois-la-ville-haute-du-xve-siecle-yonne-20866
"Antiker Luxus: Diese winzige Scherbe verbindet Baar mit Athen" (Zentralplus, 28.8.): https://www.zentralplus.ch/blog/damals-blog/diese-winzige-scherbe-verbindet-baar-mit-athen/
"Wigs and hairstyles in ancient Egypt" (British Museum, 28.8.): https://www.britishmuseum.org/blog/wigs-and-hairstyles-ancient-egypt
"Vom Grab zur Gesellschaft? Überlegungen zu aktuellen Ansätzen und Arbeitsweisen der Gräberfeldarchäologie des Frühmittelalters" (Archaeologiskop, 26.8.): https://archiskop.hypotheses.org/1129
"Brèves gauloises : de curieuses lingotières à Bussy-Lettrée (Marne)" (INRAP, 26.8.): https://www.inrap.fr/breves-gauloises-de-curieuses-lingotieres-bussy-lettree-marne-20835
Halberstadt: "Eine mittelalterliche Wüstung 'Am Frevelgraben'" (Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt - Landesmuseum für Vorgeschichte, 24.8.): https://www.lda-lsa.de/presse-und-oeffentlichkeitsarbeit/presseinformationen/24826-halberstadt-frevelgraben
Ägypten: "Särge mit Mumien in der Oase Bahariya gefunden" (Selkets Blog, 21.8.): https://blog.selket.de/aus-der-archaeologie/saerge-mit-mumien-in-der-oase-bahariya-gefunden
"Urgeschichtliche Schlangenjagd am Berg Karmel" (Universität Kiel, 20.8.): https://www.uni-kiel.de/de/cluster-roots/detailansicht/news/140-pnas-reptilien
"Neue Einblicke in die frühesten Phasen der Getreidedomestizierung" (Universität Kiel, 11.8.): https://www.uni-kiel.de/de/cluster-roots/detailansicht/news/134-pnas-getreide
"Römerstraße neben der A8: Archäologen machen bedeutende Funde an der Schwäbischen Alb" (Merkur.de, 3.8.): https://www.merkur.de/deutschland/regionale-sensation-roemer-funde-neben-der-a8-in-baden-wuerttemberg-zr-94426766.html
3.3 Oberösterreich: Was 500 Eisenbarren über Produktion und Handel der Latènezeit verraten
2019 kamen beim Kiesabbau bei Deinham an der Donau mindestens 500 doppelspitzige Eisenbarren mit einem Gesamtgewicht von gut einer Tonne zutage. Jetzt wurde ihre wissenschaftliche Untersuchung vorgelegt: Radiokarbondatierungen weisen die Barren in die jüngere Latènezeit, wahrscheinlich ins 3./2. Jh. v. Chr.; zugleich lassen sie sich als bislang unbekannte Variante von Eisen-Halbfabrikaten fassen. Damit wird der Fund wirtschaftsarchäologisch interessant: Eine Tonne vorverarbeitetes Eisen – genug Rohmaterial für etwa 500 Schwerter – wurde offenbar als geschlossene Ladung transportiert. Fundlage und Zusammensetzung sprechen laut den Forschenden dafür, dass die Barren beim Transport auf der Donau verloren gingen, möglicherweise bei einem Schiffsunglück. Der Komplex belegt damit Größenordnungen spezialisierter Eisenproduktion und überregionalen Warenverkehrs, die für die Latènezeit bislang kaum unmittelbar fassbar waren. Wo das Eisen produziert wurde, ist noch offen; als Herkunftsregion kommen Produktionszentren donauaufwärts, insbesondere in Bayern, in Betracht.
Trebsche, P. & Berranger, M. (2026): A sunken ship cargo of 500 bipyramidal bars? Implications for La Tène period iron production and trade along the Danube. Antiquity, online publiziert 21.9.: https://doi.org/10.15184/aqy.2026.10404
"Genug für 500 Schwerter: Archäologen melden größten urgeschichtlichen Eisenfund Europas" (Spiegel, 21.9.): https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/oesterreich-archaeologen-melden-groessten-urgeschichtlichen-eisenfund-europas-a-07a063f1-9960-466a-b94e-5f903166d03a
3.4 Niederösterreich: Bisher unbekannte römische Siedlung am Donaulimes entdeckt
Bei St. Pantaleon-Erla im niederösterreichischen Bezirk Amstetten haben geophysikalische Prospektionen die Dimensionen einer bislang unbekannten römischen Stadt erkennen lassen. Das planmäßig angelegte Siedlungsareal umfasst etwa 25 bis 30 ha, besitzt ein regelmäßiges Straßennetz und ein Amphitheater mit geschätzt rund 8.000 Plätzen. Die Siedlung entstand im Umfeld eines Auxiliarkastells mit einer Garnison von etwa 500 Soldaten; als antiker Name kommt Claudivium in Frage. Die Besiedlung begann um 80 n. Chr. und brach um 180 n. Chr. ab – zeitgleich mit dem Ende der Markomannenkriege und der Stationierung der Legio II Italica im benachbarten Lauriacum/Enns. Gerade weil das Areal anschließend nicht weiter römisch überbaut wurde und heute weitgehend unter landwirtschaftlichen Flächen liegt, bietet der Fundplatz ungewöhnlich gute Voraussetzungen zur Erforschung der frühen römischen Grenzsicherung an der Donau. Der Fundplatz wird seit Jahren im Forschungsnetzwerk Circum Lauriacum untersucht; erst die jüngsten großflächigen Prospektionen ließen jedoch Ausmaß und städtischen Charakter der Siedlung erkennen. Heimatforscher hatten die ersten Hinweise gegeben; auf deren Basis wurden die ersten geophysikalischen Messungen durchgeführt.
"Unbekannte römische Stadt in Niederösterreich entdeckt" (Der Standard, 23.9.): https://www.derstandard.at/story/3000000341012/unbekannte-roemische-stadt-in-niederoesterreich-entdeckt
"Das Auxiliarkastell in Stein/St. Pantaleon-Erla" (Universität Innsbruck): https://www.uibk.ac.at/de/archaeologien/institut/team/grabherr-gerald/st-pantaleon-erla/
"Die vergessene Stadt und Roms Netzwerk beiderseits der Enns" (Welterbe Donaulimes, 23.9.): https://danube-limes.org/aktuelles/veranstaltungen/die-vergessene-stadt-und-roms-netzwerk-beiderseits-der-enns
3.5 Utrecht: spätantikes Odyssee-Fragment in Altbestand identifiziert
Der Altphilologe und Papyrologe Mark de Kreij identifizierte 2024 in der Universitätsbibliothek Utrecht ein Pergamentfragment mit Versen aus dem 12. Buch von Homers "Odyssee". Das Stück war mit einer Sammlung vorwiegend frühchristlicher Handschriften vor rund 70 Jahren nach Utrecht gelangt und zuvor als unscheinbares Fragment des 7. Jh. eingeordnet worden. De Kreij datiert es nun ins 3./4. Jh. n. Chr. Das beidseitig beschriebene Pergament gehörte zu einem Codex; aufgrund von Format und kleiner Schrift nimmt er eine handliche Ausgabe der Odyssee an, möglicherweise aus dem ägyptischen Fayyum. Weltweit sind nur etwa 30 vergleichbare Fragmente aus dieser Zeit bekannt. Interessant ist das Stück daher weniger wegen der erhaltenen Episode – Helios erfährt vom Frevel an seinen Rindern – als als materieller Beleg für die Überlieferung, Lektüre und Buchform Homers in der Spätantike. Eine wissenschaftliche Publikation ist geplant.
"4th-century fragment of the Odyssey discovered in Utrecht University Library" (Universität Utrecht, 14.9.): https://www.uu.nl/en/news/4th-century-fragment-of-the-odyssey-discovered-in-utrecht-university-library
"1700 Jahre altes Fragment der 'Odyssee' in Utrecht gefunden" (Spiegel, 18.9.): https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/homer-1700-jahre-altes-fragment-der-odyssee-in-utrecht-gefunden-a-9792cde1-888e-4e43-b4aa-258480ec4185
3.6 Homo sapiens als Ergebnis tiefreichender Vermischung
Wie lässt sich die frühe Populationsgeschichte von Homo sapiens genetisch rekonstruieren? Der Paläoanthropologe John Hawks sieht mehrere neuere Modellierungen zu einem ähnlichen Szenario konvergieren: Zwei Populationen, deren Linien sich bereits vor etwa 1,5 Mio. Jahren getrennt hatten, hätten sich vor ungefähr 300.000 Jahren wieder vermischt; grob 80 % der Abstammung heutiger Menschen gingen demnach auf die eine, 20 % auf die andere Linie zurück. Hawks betont, dass die Vorstellung einer tiefen Populationsstruktur nicht neu ist – entsprechende genetische Signale wurden seit Jahren diskutiert. Neu und für ihn bemerkenswert sei vielmehr, dass unterschiedliche Methoden inzwischen zu einem vergleichbaren Bild gelangten. Welche fossilen Populationen hinter diesen genetisch rekonstruierten Linien standen, bleibt offen. Hawks diskutiert in seinem Blog dazu verschiedene Möglichkeiten – von unterschiedlichen mittelpleistozänen Populationen Afrikas bis zu Homo naledi – und macht deutlich, wo die genetischen Modelle enden und die Spekulation über den Fossilbefund beginnt.
John Hawks: "Modern humans evolved from an 80-20 mixture of two deep streams" (25.8.): https://www.johnhawks.net/p/modern-humans-evolved-from-an-80
3.7 Tutanchamun: neue geophysikalische Hinweise auf mögliche weitere Räume
Seit 2015 wird kontrovers diskutiert, ob sich das Grab Tutanchamuns im Tal der Könige hinter seinen bekannten Räumen fortsetzt. Neue Untersuchungen liefern nun weitere Indizien dafür. Neben erneutem Bodenradar kam erstmals auch sog. Mikrogravimetrie zum Einsatz, mit der geringe Dichteunterschiede im Untergrund erfasst werden. Mamdouh Eldamaty, Ahmed M. Abbas, Greg Ballard und Nicholas Reeves interpretieren mehrere Anomalien nördlich und westlich der Grabkammer als mögliche verfüllte Korridore und weitere Räume. Die Autoren beziehen neben den geophysikalischen Messdaten auch Auffälligkeiten im Grundriss des Grabes sowie Veränderungen an den Wandmalereien in ihre Argumentation betr. einer ursprünglich größeren Grabanlage ein. Ein Nachweis ist das noch nicht: Unabhängige Geophysiker beurteilen die Ergebnisse gegenüber "Nature" als interessant bzw. plausibel, halten die bislang veröffentlichten Daten aber nicht für ausreichend für sichere Schlussfolgerungen. Frühere Messkampagnen hatten widersprüchliche Resultate erbracht; eine 2019 publizierte GPR-Untersuchung fand keine Hinweise auf unmittelbar angrenzende Kammern. Ob überhaupt weitere Räume existieren und wem sie gegebenenfalls zuzuordnen wären, könnte erst eine direkte Untersuchung klären. Die seit 2015 diskutierte Verbindung mit einem möglichen Grab der Nofretete bleibt daher aktuell eine Hypothese.
Eldamaty, M., Abbas, A. M., Ballard, G. & Reeves, N. (2026): An Archaeo-Geophysical Review and Assessment of the Structure and Morphology of Tutankhamun’s Tomb (KV 62) (The Burial of Nefertiti? IV). Occasional Papers of the Amarna Royal Tombs Project 8: https://www.academia.edu/175580520/An_Archaeo_Geophysical_Review_and_Assessment_of_the_Structure_and_Morphology_of_Tutankhamuns_Tomb_KV_62_The_Burial_of_Nefertiti_IV_
"New evidence for hidden chambers beyond Tutankhamun’s tomb" (Nature, 17.9.): https://www.nature.com/articles/d41586-026-02621-2
"Das Rätsel um Tutanchamuns Grab: Gibt es doch geheime Kammern?" (Selkets Blog, 19.9.): https://blog.selket.de/aus-der-forschung/das-raetsel-um-tutanchamuns-grab-gibt-es-doch-geheime-kammern
Sambuelli, L. et al. (2019): The third KV62 radar scan: Searching for hidden chambers adjacent to Tutankhamun’s tomb. Journal of Cultural Heritage 39, 288–296. Open-Access-Fassung: https://hdl.handle.net/11583/2732362
3.8 Lipari: Bronzezeitliche Fundstellen heute bis zu 42 Meter unter Wasser
Auf der Insel Lipari liefern versunkene archäologische Fundstellen neue Daten zur Entwicklung der Küstenlandschaft während der vergangenen 3.900 Jahre. Im Bereich Pignataro di Fuori liegen frühbronzezeitliche Befunde heute in 20 bis 42 m Wassertiefe. Ein internationales Forschungsteam kombinierte diese und jüngere archäologische Marker mit hochauflösender Bathymetrie, seismischen Untersuchungen, GNSS-Messungen, historischen topografischen Daten und Rekonstruktionen des Meeresspiegels. Daraus ergibt sich für Lipari seit der Frühen Bronzezeit eine mittlere Absenkungsrate von etwa 7,9 mm pro Jahr. Verantwortlich für die heutige Lage der Fundstellen ist ein Zusammenspiel von vertikalen Landbewegungen, Meeresspiegelanstieg und Küstenerosion; auf der vulkanisch und tektonisch aktiven Insel setzt sich die Absenkung bis heute fort. Die Ergebnisse sind auch für die Unterwasserarchäologie relevant: Vergleichbare Prozesse könnten dazu geführt haben, dass weitere bronzezeitliche Küstensiedlungen der Äolischen Inseln und anderer Teile des Mittelmeerraums heute unter Wasser liegen.
"Lipari, l'isola che sprofonda da 3.900 anni: i reperti dell'età del Bronzo oggi sono a 42 metri sotto il mare" (Corriere della Sera, 21.9.): https://www.corriere.it/pianeta2030/26_settembre_21/lipari-l-isola-che-sprofonda-da-3-900-anni-i-reperti-dell-eta-del-bronzo-oggi-sono-a-42-metri-sotto-il-mare-aeac7152-9e37-4326-9f6a-e30b8813fxlk.shtml
"Ventimila leghe sotto Lipari: l'archeologia subacquea svela 3.900 anni di storia" (RaiNews/TGR Sicilia, 15.9.): https://www.rainews.it/tgr/sicilia/articoli/2026/09/ventimila-leghe-sotto-lipari-larcheologia-sottomarina-svela-3900-anni-di-storia-66066e04-b6fb-4c78-b19d-450342df962f.html : https://www.rainews.it/tgr/sicilia/articoli/2026/09/ventimila-leghe-sotto-lipari-larcheologia-sottomarina-svela-3900-anni-di-storia-66066e04-b6fb-4c78-b19d-450342df962f.html
M. Anzidei et al. (2026): 3900 years of land subsidence at Lipari Island (Italy): new insights for Early Bronze Age submerged findings. Quaternary International. https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S1040618226003253
3.9 Südwestchina: Neue Denisova-Fossilien und Einblicke in ihre Lebensweise
Zwei neue "Nature"-Studien zur Bianfu-Höhle in Yunnan erweitern das Bild der Denisova-Menschen. Huiyun Rao et al. identifizieren anhand von Proteinanalysen zwei Schädelfragmente, ein Fragment eines Radius sowie zwei Zähne als Denisova-Reste; sie datieren etwa 167.000–134.000 Jahre vor heute. Damit sei Bianfu außerhalb der sibirischen Denisova-Höhle der Fundort mit den bislang zahlreichsten sicher zugeordneten Denisova-Resten. Qijun Ruan et al. untersuchen dagegen die archäologische Sequenz der Höhle, die von etwa 190.000 bis 70.000 Jahre zurückreiche. Sie zeige spezialisierte Jagd auf mittelgroße und große Tiere, intensive Nutzung der Beute sowie eine vergleichsweise einfache Steintechnologie, ergänzt durch Knochenwerkzeuge. Ein ausführlicher Beitrag in El País fragt, warum die Steintechnologie über einen sehr langen Zeitraum vergleichsweise einfach bleibt. Mehrere der Fachautoren beantworten dies nicht mit technologische Rückständigkeit, sondern sehen das als Strategie der Denisova-Menschen, vorhandene Materialien mit geringem Herstellungsaufwand effizient zu nutzen. Der Paläoanthropologe John Hawks hebt anlässlich der Publikationen besonders die inzwischen große geographische Verbreitung sicher nachgewiesener Denisova-Populationen hervor. Er hält es für wahrscheinlich, dass große Teile des mittelpleistozänen Fossilbestands Chinas den Denisova-Menschen zuzurechnen seien.
Rao, H. et al. (2026): "Ancient proteins identify various Denisovan remains from Southwest China". Nature, 9.9.: https://doi.org/10.1038/s41586-026-10976-9
Ruan, Q. et al. (2026): "Denisovans from southwestern China and their subsistence strategies". Nature, 9.9.: https://doi.org/10.1038/s41586-026-10997-4
"El nuevo enigma de los ancestros humanos más misteriosos: 120.000 años sin mejorar nunca sus herramientas" (El País, 9.9.): https://elpais.com/ciencia/2026-09-09/el-nuevo-enigma-de-los-ancestros-humanos-mas-misteriosos-120000-anos-sin-mejorar-nunca-sus-herramientas.html
John Hawks: "New Denisovans from China’s southwest" (9.9.): https://www.johnhawks.net/p/new-denisovans-from-chinas-southwest
3.10 Nordrhein-Westfalen: Römischer Münzschatz aus Wesseling vorgestellt.
Bei Wesseling (Rhein-Erft-Kreis) wurde vergangenen Herbst ein außergewöhnlich großer römischer Münzhort entdeckt; dieser wurde am 22.9. in Bonn auf der Jahrestagung des West- und Süddeutschen Verbandes für Altertumsforschung der Fachöffentlichkeit vorgestellt . Der Fund umfasst 934 Silberdenare mit einem Gesamtgewicht von 3,1 kg; die älteste Münze wurde 148 v. Chr., die jüngste 124/125 n. Chr. geprägt. Damit handelt es sich nach Angaben des LVR um den größten bislang bekannten hadrianischen Münzhort Deutschlands und den fünftgrößten weltweit. Entdeckt wurde der Schatz bereits im Oktober 2025 von einem Sondengänger mit Nachforschungsgenehmigung, der das LVR-Amt für Bodendenkmalpflege informierte. Teile des Hortes konnten anschließend im Block geborgen und untersucht werden. Röntgenaufnahmen und Befundreste sprächen dafür, dass die Münzen ursprünglich in einem mit Stroh ausgepolsterten Keramikgefäß deponiert waren. Der Fund ist derzeit im LVR-LandesMuseum Bonn zu sehen.
"Sensationeller römischer Münzschatz. Größter hadrianischer Münzhort Deutschlands bei Wesseling entdeckt" (LVR-Amt für Bodendenkmalpflege, 22.9.: https://www.lvr.de/bodendenkmalpflege/zentrale-infos/presse/sensationeller-roemischer-muenzschatz.html
"Wesselinger macht mit Metalldetektor auf Acker sensationellen Fund" (Kölner Stadt-Anzeiger, 23.9.): https://www.ksta.de/region/rhein-erft/wesseling/wesseling-schatzsucher-macht-sensationellen-fund-auf-acker-1379774
"Römischer Münzschatz bei Wesseling entdeckt" (WDR, 22.9.): https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr3/wdr3-mosaik/audio-roemischer-muenzschatz-bei-wesseling-entdeckt-100.html
3.11 Trentino: Großes bronzezeitliches Zentrum der Kupferverhüttung entdeckt
In der Val dei Mocheni im Trentino ist bei Fierozzo ein außergewöhnlich großes Zentrum bronzezeitlicher Metallverarbeitung untersucht worden. Archäologen legten dort auf rund 1.600 m Höhe mindestens elf Öfen frei, die in das späte 13. bis 11. Jh. v. Chr. datieren. Nach Angaben der Ausgräber handelt es sich um die größte bislang bekannte Konzentration solcher Anlagen dieser Zeitstellung am Südrand der zentralen Ostalpen. Verarbeitet wurden dort Kupfererz aus den umliegenden Lagerstätten; Schlacken, Ofenreste und weitere Produktionsspuren belegen eine intensive und spezialisierte Metallgewinnung. Der Fundplatz gehöre damit in den größeren Zusammenhang der alpinen Kupferproduktion der Spätbronzezeit, deren Erzeugnisse über weite Entfernungen verbreitet wurden. Die neuen Befunde sollen helfen, Organisation, Umfang und technische Abläufe dieser Produktion genauer zu rekonstruieren.
"In Val dei Mocheni scoperta un'industria siderurgica risalente all'Età del bronzo" (RaiNews/TGR Trento, 14.9.): https://www.rainews.it/tgr/trento/articoli/2026/09/in-val-dei-mocheni-scoperta-un-industria-siderurgica-risalente-alleta-del-bronzo-80abc18e-6b5a-4e5b-a87f-e6b5ea7ab55f.html
"A Fierozzo in Val dei Mocheni riportato alla luce un centro di lavorazione dei metalli risalente all'Età del Bronzo" (Provincia autonoma di Trento, 14.9.): https://www.ufficiostampa.provincia.tn.it/Comunicati/A-Fierozzo-in-Val-dei-Mocheni-riportato-alla-luce-un-centro-di-lavorazione-dei-metalli-risalente-all-Eta-del-Bronzo
3.12 Paris: Möglicher Stadtwall Lutetias entdeckt
Unter dem Hôtel-Dieu auf der Pariser Île de la Cité haben Archäologen einen rund 20 m langen Mauerzug aus Stein und Holz freigelegt, dessen Bauweise für gallische Befestigungen der späten Latènezeit charakteristisch ist. Hinter der Mauer liegt eine bis zu zwei Meter mächtige künstliche Aufschüttung; Brandspuren, verkohlte Pflanzenreste, ein abgebranntes Holzgebäude und eine gallische Lanzenspitze gehören zum Befund. Erste 14C-Datierungen der Hölzer liegen zwischen 200 und 10 v. Chr. Damit gewinnt die alte Frage nach der Lage des von Caesar erwähnten Oppidums der Parisii neue Aktualität: Lange wurde die Île de la Cité als Standort angenommen, in jüngerer Zeit galt auch Nanterre als ernsthafte Alternative. Ob der nun entdeckte Bau tatsächlich zur Befestigung von Lutetia gehörte und ob die Brandspuren mit den Ereignissen von 52 v. Chr. zusammenhängen, müssen weitere Untersuchungen klären. Der Befund wird nicht in situ erhalten; vorgesehen sind eine umfassende 3D-Dokumentation sowie die Rekonstruktion eines Teilstücks mit originalen Steinen.
"Le rempart de la Lutèce gauloise retrouvé sous l’Hôtel-Dieu AP-HP à Paris" (Inrap, 23.9.):
https://www.inrap.fr/le-rempart-de-la-lutece-gauloise-retrouve-sous-l-hotel-dieu-ap-hp-paris-20946
"Découverte archéologique : le rempart de Lutèce Gauloise retrouvé sous l'Hôtel Dieu AP-HP à Paris" (Ministère de la Culture, 23.9.): https://www.culture.gouv.fr/presse/communiques-de-presse/decouverte-archeologique-le-rempart-de-lutece-gauloise-retrouve-sous-l-hotel-dieu-ap-hp-a-paris
"Gallisches Dorf Lutetia: Löst diese Mauer das Rätsel um den Ursprung von Paris?" (Spiegel, 23.9.): https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/gallisches-dorf-lutetia-loest-diese-mauer-das-raetsel-um-den-ursprung-von-paris-a-1318c77a-dc54-4779-8710-706cafbe97dd
3.13 Ein "echter Beitrag zum Fach": Zu Michaela Schauers "Was ist 'La Hoguette' – Kultur, Phänomen, Subkultur?"
Daniela Hofmann rezensiert Michaela Schauers Dissertation "Was ist 'La Hoguette' – Kultur, Phänomen, Subkultur? Archäologische Studien und portable, energiedispersive Röntgenfluoreszenzanalysen (p-ED-RFA) an Keramik zu einer altbekannten Frage". Hofmann bewertet die Untersuchung als "echten Beitrag zum Fach", der sich aus der sorgfältigen Anwendung einer bislang nicht eingesetzten Methode und der Interpretation der Ergebnisse ergebe. Die gestellte Frage sieht sie klar beantwortet: Schauer versteht La Hoguette als Subkultur. Demnach hätten Menschen, die auch Bandkeramik verwendeten – möglicherweise spezialisierte Produzenten –, La-Hoguette-Keramik für einen besonderen, bislang weitgehend ungeklärten Zweck hergestellt.
Hofmann, D. (2026). Review of: Schauer, M. (2025). Was ist "La Hoguette" – Kultur, Phänomen, Subkultur? Archäologische Studien und portable, energiedispersive Röntgenfluoreszenzanalysen (p-ED-RFA) an Keramik zu einer altbekannten Frage. (Philippika - Altertumswissenschaftliche Abhandlungen, 183). Wiesbaden: Harrassowitz. - Archäologische Informationen 49, Early View, published online 2 Oct 2026. https://www.dguf.de/fileadmin/AI/archinf-ev_hofmann.pdf
3.14 Denisovaner, Neandertaler, Hobbits: Was, wenn unser Stammbaum falsch ist?
30 Milligramm Knochenpulver, ein zunächst kaum glaubhaftes DNA-Ergebnis – und dann war eine bis dahin unbekannte Menschenlinie entdeckt. An diesem Punkt setzt "Das Geheimnis der Denisova-Höhle" an, Teil 1 einer dreiteiligen Doku von Wissenschaftsjournalist Niklas Kolorz in seinem YouTube-Format "Mind Blown University". Johannes Krause vom MPI für evolutionäre Anthropologie in Leipzig erzählt darin, wie aus dem Fingerknochen aus dem Altai die Denisova-Forschung entstand. Kolorz verbindet diese Forschungsgeschichte mit dem heutigen Wissensstand. Teil 2 über Neandertaler-Mythen folgt am 9.10., Teil 3 über Homo sapiens in Europa am 23.10.
"Das Geheimnis der Denisova-Höhle" (Niklas Kolorz, 25.9.; Video, 24.45 Min.): https://www.youtube.com/watch?v=YAiS07gfMQ4
3.15 Arendsee: 10.500 Jahre alte bearbeitete Hölzer aus dem Mesolithikum
Im Arendsee in Sachsen-Anhalt haben Unterwasserarchäologen außergewöhnlich gut erhaltene, bis zu 10.500 Jahre alte bearbeitete Hölzer entdeckt. Die Funde liegen heute in etwa 20 m Wassertiefe, weil der Seegrund über einem Salzstock langsam absinkt und ehemalige Uferbereiche dadurch mit Sediment überdeckt wurden. Zu den geborgenen Stücken gehören ein etwa 1,6 m hoher Pfahl mit Fäll- und Bearbeitungsspuren sowie bis zu 1,3 m lange Spaltbretter. Ob sie zu Hütten oder zu bislang unbekannten Holzkonstruktionen mesolithischer Jäger und Sammler gehörten, ist noch offen. Sollten sich am Arendsee dauerhafte Bauten oder intensiv gestaltete Lebensräume nachweisen lassen, würde dies das Bild mesolithischer Lebensweisen erheblich erweitern.
"Reste von über 10.000 Jahre alten Holzkonstruktionen im Arendsee gefunden" (LDA Sachsen-Anhalt, 30.9.): https://www.lda-lsa.de/presse-und-oeffentlichkeitsarbeit/presseinformationen/30926-arendsee-mesolithikum
"Rätselhafte 10.500 Jahre alte Hölzer im Arendsee entdeckt" (Süddeutsche Zeitung, 30.9.): https://www.sueddeutsche.de/wissen/unterwasserarchaeologie-raetselhafte-10-500-jahre-alte-hoelzer-im-arendsee-entdeckt-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-260930-930-767260
3.16 Albisheim: Neue Forschungsergebnisse zum spätbronzezeitlichen Prunkgrab
Zum 2023–2025 ausgegrabenen spätbronzezeitlichen Prunkgrab von Albisheim im Donnersbergkreis (Rheinland-Pfalz) hat die Landesarchäologie nun erste Forschungsergebnisse vorgestellt. Im Mittelpunkt steht ein ungewöhnliches Goldobjekt aus einer Urnenbestattung des 12./11. Jahrhunderts v. Chr., die mindestens 24 Keramikgefäße sowie weitere Beigaben aus Bronze und Edelmetall enthielt. Restauratorische Untersuchungen sprechen dafür, dass der Goldkörper eigens in seiner erhaltenen Form gefertigt und mit organischem Material verbunden war. Klebstoffreste, kleine Nägel und schnurartige Strukturen geben Hinweise auf die ursprüngliche Konstruktion; auch die Verzierung wurde vermutlich von der Innenseite in das Goldblech eingearbeitet. Funktion und genaue Einordnung des Objekts sind offen. Weitere naturwissenschaftliche Untersuchungen sollen insbesondere die organischen Bestandteile und verwendeten Materialien klären.
"Das geheimnisvolle Prunkgrab von Albisheim" (GDKE Rheinland-Pfalz, 29.9.): https://kulturerleben.rlp.de/service/presse/detail/das-geheimnisvolle-prunkgrab-von-albisheim
"Erste Forschungsergebnisse zum Prunkgrab vorgestellt" (SWR Aktuell, 30.9.): https://www.swr.de/swraktuell/rheinland-pfalz/good-news-details-zu-prunkgrab-aus-bronzezeit-schichtwechsel-berufe-tauschen-100.html
1 Archäoinformatik
1.1 Bericht vom Treffen der AG CAA in Münster, 17.-18.9.
Das von Jan Miera und Team wieder liebevoll organisierte Treffen der AG CAA firmierte als "Joint chapter meeting" der CAA Deutschland und der CAA Netherlands - Flanders. Circa 35 Teilnehmende fanden sich für zwei Tage in Münster zusammen, wobei der Anteil der Kollegen aus den Niederlanden überschaubar blieb. Dennoch wurde Englisch die dominante Tagungssprache. Die erste Sektion war Themen aus dem NFDI4Objects-Umfeld gewidmet, es ging (wie immer) um Metadaten, Ontologien, Wissensgraphen usw. Anders als bei den enthusiastisch Vortragenden war im Auditorium eine gewisse Übersättigung mit diesem Themenfeld spürbar. Die zweite Sektion "Data Mining, Deep Learning und Large Language Models" steckte hinsichtlich der Anwendungen ein weites Feld ab, doch inhaltlich ging es tatsächlich vor allem um Erfahrungen mit LLMs in quantitativ-archäologische Fragestellungen - eher vorsichtig tastende Experimente denn stabil-fertige Forschungsergebnisse. Die dritte Sektion "Reconstruction and Exploration of Spaces" galt Ergebnis- und Werkstattberichten zum Themenfeld GIS. In der vierten Sektion "Chronology and Dating Methods" tauchten wieder traditionelle Methoden wie Korrespondenzanalyse u. ä. auf. Die fünfte Sektion "Remote Sensing, GIS & Spatial Analysis" war inhaltlich und methodisch recht heterogen und gerade deshalb spannend. Insgesamt lässt sich beobachten, dass im Laufe der nunmehr über 40 Jahre währenden Geschichte der CAA Deutschland Themen jeweils eine Zeit ihres Hypes haben, wie z. B. Multivariate Verfahren, dann Seriation/Korrespondenzanalyse, GIS, Fuzzy Coding, Bayes ff., diese Themen aber nach ihrem Hype nicht verloren gehen, sondern in eine Art Methoden- und Perspektivenkanon einsickern, der fortan Anwendung findet. Aktuell ist es das Thema LLMs, das noch testend / experimentell seinen Weg in die Alltags-Routinen findet. Für die seit längerem im Bereich Quantitative Methoden in der Archäologie Tätigen bedeutet dies, dass ihr Wissen und ihre (Beratungs-) Erfahrungen nicht veralten, aber von Welle zu Welle neue Methodenspektren hinzutreten, über die zumindest einen Überblick zu wahren geboten ist.
Programm und Abstracts: https://ag-caa.de/jcm-caa-de-nl-fl-muenster-2026/
2 Kulturgutschutz
2.1 Aktuelles rund um Kulturgutschutz in den Medien
"Archäologische Stätten in Europa leiden unter Niedrigwasser" (Archaeologik, 28.9.): https://archaeologik.blogspot.com/2026/09/archaologische-statten-in-europa-leiden.html
"Prehistoric burial site at Loughcrew in Co Meath seriously vandalised. Stones decorated with megalithic art were damaged in what authorities described as a significant heritage crime" (The Irish Times, 22.9.): https://www.irishtimes.com/ireland/2026/09/22/prehistoric-burial-site-at-loughcrew-in-co-meath-seriously-vandalised
"Ausgezeichnet, aber gefährdet. Das minoische Monument von Papoura auf Kreta gilt als bedeutende archäologische Entdeckung" (Rhein-Neckar-Zeitung, 11.9.): https://www.rnz.de/ratgeber/reise_artikel,-Papoura-auf-Kreta-Ausgezeichnet-aber-gefaehrdet-_arid,2426411.html
"From Viking Silver to Washington: Who Gets to Decide What Survives?" (Illicit Cultural Property, 4.9.): http://illicitculturalproperty.com/from-viking-silver-to-washington-who-gets-to-decide-what-survives/
2.2 Deutschland und die Ratifizierung der UNESCO-Konvention zum Schutz des Unterwasser-Kulturerbes
Der Bundestags-Fraktion Bündnis 90/Die Grünen verdanken wir eine "Kleine Anfrage" an die Bunderegierung betr. "Schutz des Unterwasser-Kulturerbes und Stand der Ratifizierung der UNESCO-Konvention zum Schutz des Unterwasser-Kulturerbes", die am 18.8. als Drucksache 21/7657 von der Bundesregierung beantwortet wurde. Ein bemerkenswertes Papier. Es zeigt, dass die Nicht-Ratifizierung dieser Konvention in der Bundesregierung bestens bekannt ist, die Zuständigkeit auf x Ministerien verstreut ist, und auch nach 25 Jahren des Nicht-Ratifizierens weiterhin nix passiert. Weil die Ratifizierung ein Umsetzungsgesetz erfordern würde und selbiges wg. der Kulturhoheit der Länder einer Abstimmung mit den betroffenen Bundesländern erfordern würde. Was keine neue Erkenntnis ist, indes schlichtweg nicht angefasst wird. So bleibt denn das kulturelle Erbe in der AWZ – Ausschließliche Wirtschaftszone – weiterhin ungeschützt, weil die Zuständigkeiten nicht geregelt sind. Die AWZ ist jener Küstenbereich jenseits der 12-Seemeilen-Grenze (ca. 22 km) bis 200 Seemeilen (ca. 370 km) ins Meer hinein, die nicht mehr direkt zum Hoheitsgebiet eines Staates gehört, aber in dem der betreffende Staat diverse Sonderrechte besitzt. In der AWZ Deutschlands in der Nord- und in der Ostsee werden z. B. zahlreiche Offshore Windparks gebaut und geplant sowie Kabel und Rohrleitungen betrieben sowie neu verlegt.
Deutscher Bundestag, Drs. 21/7657 (18.8.2026): https://dserver.bundestag.de/btd/21/076/2107657.pdf
"UNESCO-Abkommen zu Unterwasser-Kulturerbe" (Pressemeldung Auswärtiges Amt, 26.8.): https://www.bundestag.de/presse/hib/kurzmeldungen-1206036
Nutzungskarten AWZ Deutschland (Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie): https://www.bsh.de/DE/THEMEN/Offshore/Nutzungskarten/nutzungskarten_node.html
2.3 Spanien: Großteil des bronzezeitlichen Schatzes von Villena gestohlen
Am frühen Morgen des 27.8. drangen drei maskierte Täter in das Museo de Villena bei Alicante ein und entwendeten einen großen Teil des "Tesoro de Villena", einer der bedeutendsten bronzezeitlichen Hortfunde Europas. Der 1963 entdeckte Hort umfasst 59 Objekte aus Gold, Silber, Eisen und Bernstein, darunter elf Goldschalen und 28 Armreife; allein das Gold wiegt knapp 10 kg. Der Einbruch dauerte nur wenige Minuten. Die Guardia Civil erklärte Anfang September, die Ermittlungen kämen voran, veröffentlichte bislang jedoch keine Einzelheiten. Der Fall trifft eine europaweit bereits angespannte Situation: Nur drei Tage vor dem Diebstahl hatte Europol in einem Bericht vor veränderten Mustern bei Museumsraub gewarnt – darunter gezielte Angriffe auf Gold, Edelsteine und andere leicht verwertbare Kulturgüter. Nach weiteren Museumsdiebstählen in Spanien berät das Kulturministerium mit Regionen und Polizei über die Sicherheit der Sammlungen.
"Bedeutender Schatz aus der Bronzezeit gestohlen" (Tagesschau, 27.8.):
https://www.tagesschau.de/ausland/europa/spanien-villena-schatz-diebstahl-100.html
"Avanza la investigación del Tesoro de Villena" (EFE, 8.9.):
https://efe.com/comunidad-valenciana/2026-09-08/avanza-la-investigacion-del-tesoro-de-villena/
"Changing tactics, changing targets: the evolving nature of museum heists" (Europol, 24.8.): https://www.europol.europa.eu/publications-events/publications/changing-tactics-changing-target-evolving-nature-of-museum-heists
Rainer Schreg: "rein – raus – Gold weg: Nächster Goldschatz geklaut" (Archaeologik, 27.8.):
https://archaeologik.blogspot.com/2026/08/rein-raus-gild-weg-nachster-goldschatz.html
2.4 USA: 22.000 Antiken sichergestellt: Kulturgutschutz und die Rolle von ICE
Ende August meldete die US-Einwanderungs- und Zollbehörde ICE die Sicherstellung von mehr als 22.000 mutmaßlich antiken Objekten in Florida – eine der größten Beschlagnahmungen dieser Art in der 23-jährigen Geschichte der Behörde. Die Stücke stammen nach ersten Einschätzungen aus Europa, Afrika, der Levante und dem östlichen Mittelmeerraum und könnten zwischen 1.000 und 5.000 Jahre alt sein; ihre Identifizierung und Authentifizierung läuft noch. Zuständig für den Fall ist Homeland Security Investigations (HSI), die Ermittlungsabteilung von ICE, die mit einem eigenen Programm gegen den internationalen Schmuggel mit Kulturgütern vorgeht. Das Programm hat seit 2007 zahlreiche Objekte sichergestellt und an Herkunftsländer zurückgegeben. Rainer Schreg nimmt den aktuellen Fund zum Anlass, die Rolle von ICE im internationalen Kulturgutschutz kritisch näher zu betrachten. Er thematisiert die Arbeit von HSI gegen Antikenhehlerei, die öffentlich inszenierten Restitutionen und die Frage, wie diese Aktivitäten in die Selbstdarstellung einer stark umstrittenen Behörde eingebunden sind.
"Antiken und das doppelte Gesicht von ICE" (Archaeologik, 12.9.): https://archaeologik.blogspot.com/2026/09/antiken-und-das-doppelte-gesicht-von-ice.html
2.5 Kulturgutschutz im Krieg: Warum es an Regeln nicht fehlt – wohl aber an ihrer Durchsetzung
Die Zerstörung von Kulturerbe in gegenwärtigen Kriegen wirft die Frage auf, warum Verantwortliche dafür so selten juristisch belangt werden. An Regeln fehlt es nicht: Die Haager Konvention von 1954 verpflichtet ihre Vertragsstaaten zum Schutz von Kulturgut in bewaffneten Konflikten und bereits zur Vorsorge in Friedenszeiten; ihr Zweites Protokoll von 1999 stärkte den Schutz und führte individuelle strafrechtliche Verantwortlichkeit für schwere Verstöße ein. Auch gezielte Angriffe auf religiöse Gebäude und historische Denkmäler können als Kriegsverbrechen vor dem Internationalen Strafgerichtshof verfolgt werden. 2016 wurde dort Ahmad al-Faqi al-Mahdi wegen der Zerstörung von Mausoleen und einer Moschee in Timbuktu verurteilt. Solche Verfahren sind jedoch die Ausnahme. Ein BBC-Beitrag zeigt anhand der Ukraine, Gazas, Sudans, Syriens und weiterer Konflikte, wie groß die Lücke zwischen Rechtsnormen und ihrer Durchsetzung bleibt – und welche Rolle dabei Dokumentation, Notbergung, internationale Strafverfolgung und politischer Wille spielen.
"Cultural treasures are being destroyed by war, and people want justice" (BBC, 19.9.): https://www.bbc.com/news/articles/cvgy1q2k2z0o
2.6 Flag Fen: Rettungsgrabung an bronzezeitlicher Holzanlage geplant
Flag Fen bei Peterborough gehört zu den bedeutendsten Feuchtbodenfundplätzen der britischen Bronzezeit: Vor rund 3.500 Jahren entstand dort eine mehr als einen Kilometer lange, aus Tausenden Pfosten errichtete Holzkonstruktion mit einer großen Plattform, die ein zunehmend vernässtes Gelände querte. Sauerstoffarme Torfböden haben Holz und andere organische Reste außergewöhnlich gut erhalten. Doch sinkende Grundwasserstände und austrocknender Torf lassen diese Befunde inzwischen zerfallen; Flag Fen steht deshalb seit 2012 im britischen "Heritage at Risk Register". Jüngste Untersuchungen bestätigten eine fortschreitende Verschlechterung des Erhaltungszustands. Nun stehen Mittel für eine sechsmonatige Grabung zur Verfügung, die 2027 beginnen und einen größeren Abschnitt der westlichen Pfostenreihe untersuchen soll. Ziel ist nicht nur die Bergung gefährdeter Befunde, sondern erstmals auch eine großflächigere Untersuchung der Struktur, die während vier Jahrzehnten überwiegend nur in kleineren Ausschnitten erfasst worden war.
"Experts race to start new dig at ancient Bronze Age site before it’s lost to climate change" (The Independent, 13.9.): https://www.independent.co.uk/news/science/archaeology/flag-fen-bronze-age-archaeology-dig-climate-b3049131.html
"Funding secured for excavation to unlock secrets of Bronze Age Flag Fen site" (Flag Fen, 14.9.): https://flagfen.org.uk/news/funding-secured-for-excavation-to-unlock-secrets-of-bronze-age-flag-fen-site-in-cambridgeshire
Knight, M. (2024): Flag Fen: investigating the survival and preservation of the archaeological remains to inform a management strategy (Historic England Research Report 66/2023): https://historicengland.org.uk/research/results/reports/66-2023
2.7 Australien: Ausmaß des indigenen Bevölkerungseinbruchs nach der Kolonisierung neu bewertet
Wie viele indigene Menschen lebten in Australien, bevor 1788 die britische Kolonisierung begann? Eine Mitte September in Nature Human Behaviour veröffentlichte Studie kommt auf eine deutlich höhere Zahl als ältere Schätzungen. Auf Grundlage archäologischer, genetischer und umweltbezogener Daten rekonstruieren die Autoren für 1788 einen Median von rund 2,22 Mio. "Aboriginal and Torres Strait Islander people"; lange verbreitet war eine Schätzung von etwa 300.000 Menschen. Bis 1861 war die indigene Bevölkerung dem Modell zufolge um etwa 93 % eingebrochen. Als Ursachen nennen die Forschenden eingeschleppte Krankheiten sowie direkte und strukturelle Gewalt im Zuge der Kolonisierung. Die Studie verändert damit nicht nur eine demografische Kenngröße: Sie verdeutlicht auch das Ausmaß der mit Vertreibung, Tod und gesellschaftlicher Zerschlagung verbundenen Verluste von Gemeinschaften, Wissen und kultureller Kontinuität.
"In Australien lebten offenbar viel mehr Indigene als bisher gedacht" (Spiegel, 18.9.):
Williams, A. N. et al. (2026): Large estimated size of the Australian Indigenous population before its extensive decline following colonial invasion. Nature Human Behaviour, online publiziert 15.9.:
https://doi.org/10.1038/s41562-026-02571-9
"More than 2 million Indigenous people lived in Australia in 1788: new research" (UNSW, 16.9.):
https://www.unsw.edu.au/newsroom/news/2026/09/more-than-2-million-indigenous-people-Australia-1788
3 Denkmalschutz und Denkmalpolitik
3.1 Novellierung Denkmalschutzgesetz Niedersachsen: Stille an der Oberfläche
Die Anfang Juli 2026 von der Nds. Staatsregierung lancierte Novelle des Denkmalschutzgesetzes hatte unmittelbar u. a. zahlreiche Protestschreiben und die Gründung des "Bündnis Archäologie Niedersachsen" ausgelöst. Auch die DGUF hat sich mit einer eigenen Stellungnahme und durch die Mitgliedschaft im Bündnis gegen die Novellierung engagiert. Der Widerstand der Archäologie fand auch Eingang in die regionale Presse. Sogar "Haus & Grund" sprach sich Ende August in ihrer Stellungnahme dafür aus, die präventive Archäologie beizubehalten, weil später evtl. doch notwendig werdende Untersuchungen während des Bauverlaufs mit hohen Zusatzkosten für Bauherren und Investoren einhergehen. Am 23.8. endete die vom "Bündnis" getragene öffentliche Petition mit 12.716 Unterschriften und wurde dem Landtag übergeben. Doch danach endeten die öffentlichen Debatten zunächst, weil in Niedersachsen am 13. (und 29.) Sept. die - bundesweit medial wenig beachteten - Kommunalwahlen anstanden und die Debatten überschatteten. Seitdem herrscht öffentlich Stille um die Novellierung. "Aus informierten Kreisen" heißt es, das Ministerium sei über die Intensität und Qualität der Proteste überrascht, war es dem Bündnis doch gelungen, nicht nur die stimmreiche Petition zu lancieren, sondern auch zahlreiche lokale Initiativen anzustoßen und den Kommunalwahlkampf zu nutzen, um die Anliegen der Bodendenkmalpflege auch persönlich an viele Politiker heranzutragen. So zeichnet sich aktuell im Vorfeld der Einbringung des Gesetzentwurfes ins Parlament eine Lagerbildung ab: Die Lobbyarbeit der Archäologie greift, so nehmen z. B. die Landtagsfraktionen SPD und Bündnis90/Die Grünen die Bedenken der Fachwelt ernst und haben Zweifel am aktuellen Gesetzentwurf, einige Kommunen wie insbes. die Stadt Göttingen wenden sich gegen den Gesetzentwurf. Andererseits lief ein direktes Gespräch des Bündnisses am 25.9. mit SPD-Kulturminister Falko Mohrs weitgehend ins Leere, er zeigt keine Kompromissbereitschaft; vielmehr möchte er die Frage "Voruntersuchung ja/nein?" dem freien Markt überlassen, jeder Bauherr könne selbst die Risiken abwägen und entscheiden, wie er vorgehen möchte (s. "Hallo Niedersachsen" 27.8., ab ca. Min. 2:38).
Bündnis Archäologie Niedersachsen: https://archaeologie-niedersachsen.de/
"DGUF lehnt geplante Novellierung des Nds. DSchG ab und unterstützt das "Bündnis Archäologie Niedersachsen" (DGUF.de): https://www.dguf.de/ngo/stellungnahmen/regelungen-und-gesetzgebungsverfahren/2026-dguf-lehnt-geplante-novellierung-des-nds-dschg-ab-und-unterstuetzt-das-buendnis-archaeologie-niedersachsen
Petition "Gegen die geplante Änderung des Niedersächsischen Denkmalschutzgesetzes" (openPetition, 23.8.): https://www.openpetition.de/petition/online/gegen-die-geplante-aenderung-des-niedersaechsischen-denkmalschutzgesetzes
"Göttingen stellt sich gegen die Novelle des Denkmalschutzgesetzes" (Bündnis Archäologie Niedersachsen, 18.9.): https://archaeologie-niedersachsen.de/goettingens-stellt-sich-gegen-die-Novelle-des-Denkmalschutzgesetzes
"Landesregierung will das Denkmalschutzgesetz reformieren" (NDR, Hallo Niedersachsen, 27.8.): https://www.ardmediathek.de/video/hallo-niedersachsen/landesregierung-will-das-denkmalschutzgesetz-reformieren/ndr/Y3JpZDovL25kci5kZS9iMTBkNjU0ZC03NGM5LTQ3NzEtYTlhNC04ZTg4OGRhNDY5ODI
"Denkmalschutzgesetze unter Druck" (Archaeologik, 31.8.): https://archaeologik.blogspot.com/2026/08/denkmalschutzgesetze-unter-druck.html
3.2 Novellierung Denkmalschutzgesetz NRW: neues Gesetz in Kraft, keine Ausführungsbestimmungen
Trotz der Proteste zahlreicher Fachgesellschaften, Experten und Stakeholder waren die Änderungen am Denkmalschutzgesetz NRW am 15.7. vom NRW-Landtag verabschiedet worden. Am 1.9. ist die Neufassung in Kraft getreten. Trotz diverser diesbezüglicher Anfragen an das Ministerium gibt es Stand Ende Sept. 2026 weiterhin keine Ausführungsbestimmungen, die insbesondere für jene neuen Regelungen wichtig sind, die - wie insbes. § 9(4) [ nicht planfeststellungspflichtige Infrastrukturmaßnahmen] - mit rechtsunbestimmten Begriffen operieren. Kommunen und Untere Denkmalschutzbehörden berichten derweil von ersten Erfahrungen mit den kurzen Fristen insbes. bezüglich der Baudenkmalpflege: Es bleibe kaum Zeit für eine fachlich solide Bearbeitung insbes. bei komplexeren Bauvorhaben, weshalb man priorisieren müsse und neu recht oft die Genehmigungsfiktion greife - d. h. die denkmalrechtliche Genehmigung erfolge, weil innerhalb der gesetzten Frist keine behördliche Begleitung / kein behördlicher Einwand möglich war.
DSchG NRW (aktuell): https://recht.nrw.de/lrgv/gesetz/01092026-denkmalschutzgesetz-dschg-nrw/
Zu Gesetz, Gesetzgebungsverfahren und Protesten zusammenfassend auf DGUF.de "Novellierung des Denkmalschutzgesetzes Nordrhein-Westfalen": https://www.dguf.de/ngo/stellungnahmen/regelungen-und-gesetzgebungsverfahren/2026-novellierung-des-denkmalschutzgesetzes-nordrhein-westfalen
4 Beruf Archäologie
4.1 Experimentalarchäologe Harm Paulsen verstorben
Am 26.8. starb Harm Paulsen im Alter von 81 Jahren. Der 1944 in Lübeck geborene Experimentalarchäologe und Archäotechniker kam ohne Archäologiestudium ins Fach und arbeitete seit Ende der 60er Jahre in der schleswig-holsteinischen Landesarchäologie, später am Archäologischen Landesmuseum in Schleswig. Er gehörte zu den Pionieren der Experimentellen Archäologie in Deutschland. Seine besondere Expertise lag in der Rekonstruktion und praktischen Erprobung prähistorischer Geräte und Waffen, insbesondere in der Flintbearbeitung sowie bei Pfeil und Bogen. Seine Experimente gingen weit über Vermittlung hinaus: Paulsen arbeitete mit Fachwissenschaftlern an konkreten Forschungsfragen, etwa zur Ausrüstung Ötzis, zu steinzeitlichen Projektilen und zu bronzezeitlichen Waffen aus dem Tollensetal. Zugleich prägte er die museale Vermittlung von Stein- und Wikingerzeit nachhaltig; in Haithabu begründete er 1989 mit dem Nachbau eines Einbaums das Format "Handwerk im Experiment". 2011 verlieh ihm die DGUF den Deutschen Archäologiepreis und würdigte damit sowohl seinen Beitrag zur archäologischen Forschung als auch zur Vermittlung. Bereits 2008 war Paulsen mit dem Verdienstorden des Landes Schleswig-Holstein ausgezeichnet worden.
"Nachruf auf Harm Paulsen (1944–2026)" (Matthias Toplak, 30.8.): https://wikinger-toplak.de/nachruf-auf-harm-paulsen-1944-2026
"2011: Deutscher Archäologiepreis für Harm Paulsen" (DGUF): https://www.dguf.de/fachgesellschaft/dap-preistraeger/deutscher-archaeologiepreis-2011-harm-paulsen
"The Small Things Paint the Big Picture – Interview with Harm Paulsen" (EXARC, 2015): https://exarc.net/issue-2015-4/mm/interview-small-things-paint-big-picture-harm-paulsen
"Bekannter Archäologe: Er konnte auf 43 Arten Feuer machen: Ahrensburg trauert um Harm Paulsen" (Hamburger Abendblatt, 10.9.): https://www.abendblatt.de/schleswig-holstein/stormarn/article413108088/urgestein-der-experimentellen-archaeologie-harm-paulsen-ist-tot.html
4.2 Thomas Rose mit 37 Jahren verstorben
Am 2.9. starb der Archäometallurg Thomas Rose im Alter von nur 37 Jahren an den Folgen eines Fahrradunfalls in Cambridge (Massachusetts). Rose war im Januar 2026 als Assistant Professor an das Department of Materials Science and Engineering des Massachusetts Institute of Technology (MIT) berufen worden und gehörte dort dem Center for Materials Research in Archaeology and Ethnology (CMRAE) an. Der in Berlin geborene Geowissenschaftler und Archäologe studierte u. a. in Frankfurt a. M. und Tübingen und wurde 2023 zur frühen Kupfermetallurgie Vorderasiens promoviert. Seine Forschung verband Archäologie und Archäometallurgie mit Geochemie, Mineralogie, Materialwissenschaft und experimenteller Archäologie; einen besonderen Schwerpunkt bildeten stabile Metallisotope. Vor seinem Wechsel ans MIT arbeitete Rose am Deutschen Bergbau-Museum Bochum und an der Goethe-Universität Frankfurt. Er engagierte sich intensiv für digitale Forschungsinfrastrukturen, Forschungssoftware und Open Science.
"Assistant Professor Thomas Rose, an expert in archaeometallurgy, dies at 37" (MIT News, 3.9.): https://news.mit.edu/2026/mit-assistant-professor-thomas-rose-archaeometallurgy-expert-dies-0903
"Thomas Rose" – Profil und Forschungsschwerpunkte (MIT): https://dmse.mit.edu/people/faculty/thomas-rose
4.3 Semesterstart: Orientierungshilfen für Archäologie-Studierende
Anfang Oktober beginnt an Archäologie-Standorten die Ersti-Woche, kurz darauf das Wintersemester. Gerade am Studienanfang gibt es neben Stundenplan und Prüfungsordnung einiges, was man besser früh als spät wissen sollte. Die DGUF hat deshalb einige Hilfen zusammengestellt: Die Handreichung für Erstsemester behandelt u. a. Semesterplanung, Einführungsliteratur, Lehrveranstaltungen und Referate; die Software-Box gibt Empfehlungen zur Computer- und Software-Ausstattung und verweist auf weiterführende Materialien zu Zotero, AutoCAD und QGIS. Wer sich außerdem fragt, wer in der deutschen Archäologie eigentlich wofür zuständig ist und was sich hinter Kürzeln wie VLA, DAI, CIfA, DASV, WSVA oder MOVA verbirgt, findet auf DGUF.de eine eigene Erklärseite zur Organisation der Archäologie in Deutschland. Für den Blick über die eigene Universität hinaus lohnt sich der Archäopilot: Das Branchenverzeichnis erschließt Fachinstitutionen, Museen, Vereine, Grabungsfirmen, Dienstleistungen und Veranstaltungen regional und thematisch. Auch studentische Fachschaften können dort kostenlos ein eigenes Profil anlegen. Und weil spätestens im Laufe des Studiums die Frage auftaucht, wie es nach dem Abschluss weitergeht: Die DGUF erhebt seit 2019 jährlich die Studierenden- und Absolventenzahlen und beobachtet zugleich den archäologischen Arbeitsmarkt. Wer die eigene Studien- und Berufsplanung nicht nach Hörensagen ausrichten möchte, findet in diesen Untersuchungen eine gute empirische Grundlage. Und der Vollständigkeit halber: Die DGUF-Mitgliedschaft kostet für Studierende, Praktikantinnen und Praktikanten, Volontäre und Auszubildende budgetfreundliche 5 Euro im Jahr*
DGUF für Studierende – Übersicht der Angebote und Informationen: https://www.dguf.de/service/studierende
Die Organisation von Archäologie in Deutschland (DGUF.de): https://www.dguf.de/component/content/article/organisation-von-archaeologie-in-deutschland?catid=29&Itemid=101
Archäopilot – Branchenverzeichnis der deutschen Archäologie:
Siegmund, F. (2026): "Die Studierenden- und Absolventenzahlen in den Fächern Ur- und Frühgeschichte sowie Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit und Provinzialrömische Archäologie im Jahr 2025", Archäologische Informationen* 49, Early View: https://www.dguf.de/fileadmin/AI/archinf-ev_siegmund1.pdf](https://www.dguf.de/fileadmin/AI/archinf-ev_siegmund1.pdf
Siegmund, F. (2026): "Kräftiges Personal- und Umsatzwachstum bei nur leichtem Lohnwachstum – DGUF-Monitoring-Report privatwirtschaftliche Archäologie 2025", Archäologische Informationen 49, Early View: https://www.dguf.de/fileadmin/AI/archinf-ev_siegmund2.pdf](https://www.dguf.de/fileadmin/AI/archinf-ev_siegmund2.pdf
Siegmund, F. (2025): "Arbeitsmarkt ur- und frühgeschichtliche Archäologie in Deutschland: aktueller Stand und Entwicklungen", Archäologische Informationen 48: https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/arch-inf/article/view/116104
4.4 Technopolis-Studie: "Aktuelle Lage der Geistes- und Kulturwissenschaften in Deutschland"
Die Technopolis Group hat im Auftrag der Volkswagenstiftung eine aktuelle "Kartierung" der Geistes- und Kulturwissenschaften vorgelegt. Die Studie analysiert Strukturindikatoren zu Studium, Forschung, Finanzierung sowie Personal und diente als Grundlage für das Symposium "Geistes- und Kulturwissenschaften 2040". Zentrale Ergebnisse & Trends sind lt. Technopolis: (a) Studierendenzahlen: Insgesamt gibt es einen Rückgang von rund 9,3 % bei den Studierenden, dieser verläuft jedoch extrem uneinheitlich. Während Kulturwissenschaften teilweise wachsen, verlieren Religionswissenschaften und Theologien etwa ein Drittel ihrer Studienplätze. (b) Forschung und Drittmittel: Die Fächergruppe zeigt eine große Heterogenität bei den Drittmitteln und der Forschungsstärke. So sind beispielsweise die Geschichtswissenschaften sowie die Sozial- und Kulturanthropologie trotz sinkender Studierendenzahlen sehr forschungsstark. (c) Generationenwechsel: Bis zum Jahr 2035 wird etwa die Hälfte aller Professorinnen und Professoren in den Ruhestand gehen, was einen massiven strukturellen Umbruch bedeutet. (d) Diskurse & Herausforderungen: Pauschale Krisendiagnosen greifen zu kurz. Zu den zentralen Zukunftsthemen und Handlungsfeldern zählen der Einfluss von Künstlicher Intelligenz (KI), veränderte Förderlogiken, Reputationssysteme sowie Wissenschaftskommunikation und gesellschaftlicher Impact. Die für die Studie gewählten Fachkategorien orientieren sich an den Fachkollegien der DFG, d.h. die Ur- und Frühgeschichte findet sich unter "Alte Kulturen" zusammengefasst mit den anderen Archäologien sowie Alter Geschichte und Altphilologien. Die Studie hilft also, das Eigene in die allgemeinen Trends einzubetten, bietet aber keine spezifischen Aussagen z. B. zum Themenfeld UFG. Im Zehnjahrestrend 2015 - 2024 sind im Themenfeld Alte Kulturen die Studierendenzahlen um 19 % gesunken, die Zahl der Professuren um 12 % gesunken und die Drittmittel um 39 % gesunken, dennoch konnten rel. viele ERC-Grants eingeworben werden. Im WS 2024/25 waren 76 % BA-Abschlüsse, 16 % MA-Abschlüsse und 7 % Promotionen zu verzeichnen.
"Aktuelle Lage der Geistes- und Kulturwissenschaften in Deutschland: Zahlen, Daten, Fakten" (21.9.): https://www.volkswagenstiftung.de/sites/default/files/documents/Kartierung_Aktuelle_Lage_Geistes-Kulturwissenschaften_Deutschland_Technopolis.pdf
1 Bürger und Archäologie & Citizen Science
1.1 Die Geschichten hinter dem Piepton erzählen
Der ehrenamtliche Sondengänger Christian Ganser ist seit elf Jahren in Rheinland-Pfalz unterwegs, mit Genehmigung. Das Niedrigwasser des Rheins führt zu mehr Funden. Ein Filmteam hat Ganser begleitet, zeigt auch seine Zusammenarbeit mit der Landesarchäologie. Das Video zeigt, wie wichtig es ist, Funde korrekt zu melden und sie fachlich zu erfassen – sodass sie u. U. sogar später im Museum auf der Festung Ehrenbreitstein ausgestellt werden können.
"Unglaubliche Schätze im Rhein: Die Zahl der Funde haben sich verzehnfacht" (SWR, 30.9.; Video, 4:35 Min.): https://www.youtube.com/watch?v=Hn7ODJaqZxc
2 Ausstellungen und Museen
2.1 Aktuelles rund um Ausstellungen und Museen in den Medien
Zur Ausstellung "Hitler entsorgen. Vom Keller ins Museum" (Bregenz): "Hitler entsorgen - Dachboden- und Kellerfunde und das Erinnern" (Archaeologik, 29.8.): https://archaeologik.blogspot.com/2026/08/hitler-entsorgen-dachboden-und.html
2.2 Archäologisches Landesmuseum Mecklenburg-Vorpommern: Standort weiter offen
Wo das seit Jahren geplante Archäologische Landesmuseum Mecklenburg-Vorpommern in Rostock gebaut werden soll, ist weiterhin ungeklärt. Das Finanzministerium teilte dem NDR im August mit, die Prüfung möglicher Standorte sei noch nicht abgeschlossen; weder für eine Entscheidung noch für einen Baubeginn könne derzeit ein Termin genannt werden. Damit ist auch die ursprünglich für 2026 vorgesehene Landgewinnung am Stadthafen vom Tisch. Hintergrund sind unter anderem deutlich gestiegene Kosten: Finanzminister Heiko Geue bezifferte sie im März im Landtag auf inzwischen 85 Mio. Euro, "Tendenz nach oben"; bei Abschluss der Vereinbarung zwischen Land und Stadt war noch mit 55 Mio. Euro gerechnet worden. Parallel wird inzwischen wieder die Societät in der August-Bebel-Straße als möglicher Standort geprüft. Die Rostocker Bürgerschaft hatte dazu im April einen entsprechenden Beschluss gefasst. Offen bleibt damit sowohl der Standort als auch der weitere Zeitplan des seit Jahren geplanten Landesmuseums.
"'Wir freuen uns... worauf?': Posse um Museumsbau in Rostock geht weiter" (NDR, 7.8.): https://www.ndr.de/kultur/kunst/mecklenburg-vorpommern/wir-freuen-uns-worauf-posse-um-museumsbau-in-rostock-dauert-an,archaeologischeslandesmuseum-100.html
"Rostocker Bürgerschaft: Standortoption Archäologisches Landesmuseum Mecklenburg-Vorpommern in der August-Bebel-Straße 1 statt Stadthafen" (Beschluss vom 22.4.):
https://ksd.rostock.de/bi/vo020?VOLFDNR=1029944&refresh=false
Landtag Mecklenburg-Vorpommern, Plenarprotokoll der 128. Sitzung vom 19.3., S. 10:
https://www.dokumentation.landtag-mv.de/Parldok/dokument/08/art/PlPr/num/128/jahr/2026
3 Und sonst …
3.1 Nutzerumfrage des FID Altertumswissenschaften – Propylaeum (bis 30.10.)
Bis einschl. 30.10. führt Propylaeum eine anonyme Online-Umfrage zur Nutzung und Weiterentwicklung seiner Angebote durch, in der Sie Ihre Rückmeldungen, Wünsche und Anregungen melden können. Die Beantwortung dauert ca. 10 Minuten. Zur Teilnahme sind Angehörige von Hochschulen, Forschungsinstituten, Bibliotheken und Informationseinrichtungen sowie der wissenschaftliche Nachwuchs eingeladen. 2027 wird der Fachinformationsdienst (FID) Altertumswissenschaften bei der DFG einen Förderantrag einreichen, um Altertumswissenschaftlern auch weiterhin forschungsnahe und innovative Dienste anbieten zu können.
Umfrage: https://survey.bsb-muenchen.de/index.php/992248?lang=de
3.2 Neuer Rekord: Google Maps schickt griechischen Krieger auf zehnjährigen Umweg
Um so schnell wie möglich nach Hause zu gelangen, verzichtete einer der größten Krieger der Antike auf eine traditionelle Seekarte und setzte auf neue Technik: Google Maps sollte ihn so schnell wie möglich nach Ithaka bringen – doch statt app-seitig optimistisch angesetzter drei Tage wurden es zehn Jahre. Zunächst wollte Google Maps Odysseus und seine Getreuen nach Ithaca, New York, lotsen. Angebliche Staus auf dem Mittelmeer, Starbucks-Filialen, die auch Zeus nicht zufriedenstellten, und eine Zeitersparnis von vier Minuten sorgten für alternative Routen. Die Irrfahrt wird bis heute besungen, aber das ursächliche Versagen der GPS-Navigation fand bisher kaum Beachtung.
https://www.youtube.com/watch?v=elcbHQys_UI