Eingabehilfen öffnen

AB 37 Rashida Hussein-Oglü: Typologie und Chronologie spätbronze- und früheisenzeitlicher Grabkeramik in Westfalen und Overijssel

( noch nicht erschienen ! )

Archäologische Berichte 37

Gräberfelder sind die häufigste historische Quelle für Westfalen und die niederländische Provinz Overijssel während der späten Bronze- und frühen Eisenzeit (ca. 1300-600/500 v. Chr.). Anhand charakteristischer Grabformen unterschied A. D. Verlinde diese Friedhöfe von denen der südlich verbreiteten Urnenfelderkultur und definierte die "Ems-Kultur". Eine einheitliche Gefäßtypologie und eine detailliertere zeitliche Ordnung der Keramik sind seither ein Desiderat. Die hier erarbeitete "Systematisierte Verlinde-Typologie" sowie die "Westfalen-Overijssel-Chronologie" ermöglichen nun eine einheitliche Typisierung der Keramik und eine zeitliche Gliederung in vier Stufen von je 200 Jahren Dauer. – Die vorliegende Studie wurde 2020 an der Universität Münster als Promotionsschrift eingereicht und angenommen. Eine Teilstudie dazu wurde 2016 von der DGUF mit dem Deutschen Studienpreis für Archäologie ausgezeichnet.

Aus Westfalen und Teilen der Niederlande sind zahlreiche Urnengräberfelder der späten Bronzezeit und der frühen Eisenzeit bekannt (ca. 1.300–600/500 v. Chr.). Diese Nekropolen, welche sich vor allem durch charakteristische Grabenanlagen auszeichnen, werden der Ems-Kultur zugewiesen, einem stark von der spätbronzezeitlichen Urnenfelderkultur abhängigen Kulturphänomen. Zusammen mit der Niederrheinischen Grabhügelkultur, die sich ebenfalls durch das Vorhandensein bestimmter Graben- und Grabhügelformen auszeichnet, bildet die Ems-Kultur die nördliche Peripherie der Urnenfelderkultur. Einflüsse aus dem sich anschließenden Nordischen Bronzezeitkreis lassen sich im Material der Ems-Kultur ebenso nachweisen wie Impulse aus der östlich gelegenen Lausitzer-Kultur.

Untersuchungsgebiet der Studie.

Während für diese überregionalen Kulturkomplexe bewährte eigene Chronologiesysteme vorliegen, die von P. Reinecke und O. Montelius begründet wurden, erschwert im Raum der Ems-Kultur die Brandbestattungssitte und besonders die Beigabenarmut eine chronologische Ansprache der Funde und Gräber. Die traditionellen Datierungssysteme, welche vor allem auf Metallartefakten fußen, lassen sich nur bedingt auf die Verhältnisse in Westfalen und in den Niederlanden anwenden. Damit fällt der Gefäßkeramik als datierendes Kriterium eine besondere Bedeutung zu. Ziel dieser Untersuchung ist es, zum einen für die Keramik eine einheitliche, gräberfeldübergreifende Typologie zu formulieren, zum anderen ein übergreifend gemeinsames Chronologiesystem für das Untersuchungsgebiet zu erstellen (vgl. Kap. 1.1 und 1.2). In Kap. 1.3 werden die Gräberfelder des betrachteten Raumes näher erläutert, welche in dem Gebiet der 1987 von Verlinde definierten Ems-Kultur liegen. Hier findet sich auch eine Verbreitungskarte der rund 70 für die vorliegende Studie behandelten Gräberfelder, von denen sechs in Westfalen, zwei in Niedersachsen und die übrigen in der niederländischen Provinz Overijssel liegen. Die methodische Herangehensweise beruht auf deskriptiv-statistischen Auswertungsverfahren, weshalb eine umfangreiche Datensammlung aller vollständigen resp. vollständig rekonstruierbaren Gefäße angelegt wurde (Kap. 1.4). Insgesamt sind 1.258 Gefäße metrisch und merkmalanalytisch beschrieben. Je nach Gliedrigkeit des Gefäßes werden bis zu sieben Maße erfasst: Die Bauch-, Hals- und Gesamthöhe sowie der Boden-, Bauch-, Hals- und Randdurchmesser. Daneben enthält die Datenbank auch Angaben zur Grabform, zur Funktion des Gefäßes im Grab (Urne, Beigefäß, Deckel), zur Datierung nach konventionellen archäologischen Methoden (Beigaben, Belegungsabfolgen, Verzierungen, Vergleichsfunde etc.) und zu den vorliegenden 14C-Datierungen. Auch Angaben zu Verzierungen werden auf diese Weise dokumentiert (vgl. Liste der Kodierungen). Der Überblick zu Quellenlage und Forschungsgeschichte veranschaulicht unter anderem, dass einige typologische Probleme bereits zu Beginn der Erforschung des hier behandelten Materials bestanden, aber auch die Ursachen für die anhaltenen Schwierigkeiten einer zeitlichen Gliederung werden deutlich (Kap. 1.5).

Vor diesem Hintergrund und der geschilderten Datengrundlage (s. o.) wird das viel verwendete Klassifikationssystem von Verlinde überarbeitet und darauf aufbauend eine stringente Formtypologie entwickelt, welche von veralteten Forschungsbegriffen, entbehrlichen Feinstklassifikationen und unnötigen Sondertypen befreit ist (Kap. 2). Auf diese Weise konnte eine in sich logische, überschaubare und leicht anwendbare Typologie erarbeitet werden, deren Parameter im Einzelnen explizit begründet werden und welche künftigen Bearbeitern eine deutlich leichtere Adaption auf das eigene Material ermöglicht (Bestimmungsschlüsselprinzip, Taf. 12–16). Diese Typologie wird als Systematisierte Verlinde-Typologie (SVT) bezeichnet.

Vor dem Hintergrund der dennoch unbefriedigenden (konventionellen) Datierungsmöglichkeiten wird für die Leitformen (Doppelkoni, Halsdoppelkoni und Terrinen) zusätzlich eine metrische Typologie, die sog. Westfalen-Overijssel-Typologie (WOT) entwickelt (Kap. 4.3). Dieser liegt die Annahme einer bestimmten Entwicklung der Gefäßproportionen zugrunde, welche indes bisher noch nie systematisch überprüft wurde. Die Untersuchung der Gefäßproportionen ergibt tatsächlich eine erkennbare zeitliche Entwicklung, die jedoch teilweise von den bisherigen Thesen abweicht. Die Behauptung, dass sich die Großgefäße von plump bis normal proportionierten Vertretern mit unter- bis mittelständigem Bauchumbruch hin zu schlanken Formen mit oberständigem Bauchumbruch entwickelten, wird widerlegt. Stattdessen werden andere, chronologisch empfindliche Indices ermittelt.

Anhand der kombinierten Erkenntnisse der chronologischen Untersuchung aus Systematisierter Verlinde- und Westfalen-Overijssel-Typologie kann erstmals ein selbständiges Chronologiesystem für Westfalen und Overijssel erstellt werden ("WO-Chronologie") (Kap. 4.4). Dazu werden alle für ein Gefäß verfügbaren chronologischen Indizien zusammengeführt und evaluiert, sodass "Komplett-Datierungen" pro Gefäß bzw. pro Grab entstehen. Insgesamt können beim derzeitigen Stand der Auswertung 765 Gräber/Gefäße datiert werden. Diese werden über eine Häufigkeitstabelle ausgewertet, um zu einer ersten, vorläufigen Phaseneinteilung zu gelangen, die zwangsläufig über die absolute Zeitleiste angelegt werden muss, um sie in einen Bezug zu den bekannten Systemen nach Montelius und Reinecke sowie zu den 14C-Daten setzen zu können. Entsprechend ergaben sich folgende Phasenbezeichnungen (Kap. 4.4.1):

  • WO-Phase 1: 1300 – 1000 v.Chr.
  • WO-Phase 1a: 1300 – 1200 v.Chr.
  • WO-Phase 1b: 1200 – 1100 v.Chr.
  • WO-Phase 1c: 1100 – 1000 v.Chr.
  • WO-Phase 2: 1000 – 900 v.Chr.
  • WO-Phase 3: 900 – 800 v.Chr.
  • WO-Phase 4: 800 – 600/550 v.Chr.
  • WO-Phase 4a: 800 – 700 v.Chr.
  • WO-Phase 4b: 700 – 600/550 v.Chr.

In den anschließenden Kapiteln 5 und 6 werden die Keramikdatierungen auf die Gräberfelder übertragen und deren zeitlich/räumliche Entwicklung nachgezeichnet.

 

Die Autorin

Rashida Hussein-Oglü M.A. studierte Ur- und Frühgeschichte mit dem Schwerpunkt Metallzeiten an der Universität Münster. Nach dem Studium arbeitete sie als Grabungsleiterin in der westfälischen privatwirtschaftlichen Archäologie und absolvierte ein wissenschaftliches Volontariat am Stadtmuseum Lippstadt. Inzwischen ist sie selbständige Unternehmerin.

 

 

Der Band

Kerpen-Loogh 2026. 394 Seiten, mit 66 z.T.  farbigen Abb. und 123 Tabellen. Verlag Deutsche Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte (DGUF).

E-Book im kostenlosen Open Access: ISBN 978-3-96929-402-4. DOI: https://doi.org/10.11588/propylaeum.1543 

Gedruckte Ausgabe: ISBN 978-3-945663-26-4. Softcover. 68,- Euro, für DGUF-Mitglieder 45,- Euro. Preise zzgl. Porto und Verpackung.

Ergänzende Materialien und Open Data sind über die Website des Buches bei Propylaeum zugänglich.

CC BY 4.0

 

Bestellung

DGUF-Verlag
z.Hd. Dr. Werner Schön
An der Lay 4
D - 54 573 Kerpen-Loogh
Telefon: 06593 / 98 96 42
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

Stand: April 2026