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Auswirkungen der geplanten Mittelkürzungen auf die Archäologie in NRW

Eine Folgenabschätzung der DGUF

Die Auswirkungen der geplanten Mittelkürzungen auf die Archäologie schilderte eindrücklich der Landesarchäologe von Westfalen, Prof. Dr. Michael Rind, im Magazin "Westblick" in WDR 5 am 28.3.2013 (hier das Audio, Minute 15:55 bis 24:03). Die bisherige Finanzierung der Archäologie in NRW beruhe auf Beiträgen der Kommunen bzw. der von ihnen getragenen Landschaftsverbände, und auf Beiträgen des Landes. Dabei würden die Beiträge der Kommunen die Infrastruktur und den festen Betrieb tragen, d. h. die Gebäude, die Geräte und vor allem die Löhne der festen Mitarbeiter. Die Mittel, die für das operative Geschäft – also für Ausgrabungen – benötigt würden, trage das Land.

Wenn diese Landeszuschüsse wegfallen, ist die Archäologie in NRW nicht mehr arbeitsfähig. "Ohne diese operativen Mittel bricht unser ganzes Grabungsgeschäft einfach zusammen", sagte Michael Rind gegenüber WDR5. In den Fachämtern werden die Gelder fehlen, dringend nötige Aufträge an Dritte zu vergeben für Naturwissenschaften, Restaurierung von Funden und 14C-Datierungen.

Kaum Grabungszelte, kaum Helfer vor Ort
Vor Ort kann die für Ausgrabungen notwendige temporäre Infrastruktur nicht mehr angemietet werden: Grabungszelte zum Schutz von Mitarbeitern und archäologischen Funden, Bauwagen, die als Büro, Lager- und Pausenräume dienen, Toilettenhäuschen etc. Es fehlt Geld für temporär angestellte Arbeitskräfte und Fach-Studierende, ohne die Ausgrabungen praktisch nicht durchführbar sind. In der Konsequenz stünden die mit kommunalen Mitteln bezahlten Archäologen hoch motiviert bereit, aber sie könnten nicht arbeiten.

Laut Dr. Marcus Trier, dem Leiter der Kölner Bodendenkmalpflege, führt die 18-prozentige Kürzung im Jahr 2013 dazu, dass für Notgrabungen weniger Werkverträge mit angehenden Archäologen abgeschlossen werden können. Im Kölner Stadtanzeiger vom 4.4. sagte er: "Wir können ohne Honorarkräfte nicht arbeiten. Grabungen verlängern und verteuern sich ohne sie."

Kaum naturwissenschaftlichen Untersuchungen
In der Regel folgen einer Ausgrabung einige naturwissenschaftliche Untersuchungen: Botanische Reste werden untersucht, Metalllegierungen werden näher bestimmt, Menschenknochen von Fachleuten begutachtet, Speisereste analysiert und Altersbestimmungen im 14C-Labor vorgenommen. Solche Untersuchungen erfolgen in der Regel als Auftrag an externe, hoch spezialisierte Labors; mit Wegfall der Landesmittel ist dafür kein Geld mehr da: Es fehlen Altersbestimmungen, Wissen um Geschlecht, Alter und Krankheiten von Menschen, um ihre Ernährung.

Kaum Informationen mehr an die Öffentlichkeit
Möchte man Grabungen publizieren, braucht man Graphiker, die Pläne und Funde zeichnen, Fotografen, die gute Fotos von wichtigen Objekten machen, Wissenschaftler, die die Ergebnisse auswerten, und zuletzt Layouter, Setzer und Drucker, die aus Manuskripten Bücher machen. Nur wenn die Ergebnisse der Ausgrabungen später in den Museen gezeigt werden können und in Büchern nachlesbar werden, kann die breite Öffentlichkeit sehen, was die Archäologie geleistet und gefunden hat, nur dadurch wird die frühe Geschichte des Landes für die Bevölkerung greifbar. Dafür fehlt nach den Kürzungen das Geld.

Der Zusammenhang zwischen Finanzierung und Gesetzgebung
Die neue Landesregierung plant die Einführung des Verursacherprinzips. Danach würden die Kosten für eine Ausgrabung, die z.B. durch die Bautätigkeit eines Investors notwendig wird, vom Investor zu tragen sein, ebenso auch durch jeden Bauherren. Diese Einnahmen würden die oben skizzierte Lage verbessern, weil zusätzliches Geld flösse. Aber nur scheinbar! Denn nach der absehbaren Gesetzesregelung würden die Investoren nur für die Grabungskosten aufkommen, nicht jedoch für die oben geschilderten Folgekosten: Konservierung und Restaurierung, naturwissenschaftliche Analysen, Zeichnungen, Fotos und Druckkosten.

Nach der vorgesehen Gesetzesregelung tragen Verursacher zwar auch die Kosten, wenn die Grabungen vorher unbekannte Fundstellen betreffen; es bleibt aber unklar, wie sich dies in der Praxis umsetzen lässt. Nach Erfahrungen vieler Fachleute sind etwa 80 bis 90% der archäologischen Denkmale zuvor unbekannt und werden erst bei Baumaßnahmen entdeckt.

Eine Berücksichtigung dieser Fundstellen bei der Planung ist zwar im Gesetzesentwurf vorgesehen, wird aber mit fast unerfüllbaren Auflagen versehen; in der Begründung zum Gesetzestext heißt es "Die Ämter für Bodendenkmalpflege haben das Vorhandensein eines vermuteten Bodendenkmals durch wissenschaftlich abgesicherte Beweisführung konkret darzulegen." Das stellt in der täglichen Praxis der bereits jetzt restlos ausgelasteten Bodendenkmalpfleger eine hohe Hürde und öffnet langwierigen Verhandlungen und rechtlichen Auseinandersetzungen Tür und Tor. Einfacher und juristische klarer wäre es, wenn in NRW statt des konstitutiven Prinzips, wonach Denkmale erst als solche gelten, wenn sie in einer Denkmalliste aufgenommen wurden, das deklaratorische Prinzip vollumfänglich eingeführt würde. Das letztgenannte Verfahren ist in der überwiegenden Mehrheit aller Bundesländer üblich, hat sich dort bewährt und schützt alle Denkmale, unabhängig von der Eintragung in einer Denkmalliste.

Die DGUF begrüßt die Einführung des Verursacherprinzips grundsätzlich! Aber es ist wichtig, klar zu regeln, in welchen Fällen es greift, und es ist wichtig, dass es nicht nur die reinen Grabungskosten abdeckt, wie es auch die Konvention von Malta vorsieht. Zudem braucht auch dann das Fachamt eine finanzielle Mindestausstattung, um die Verursachergrabungen, die meist von Privatfirmen ausgeführt werden, fachlich zu beaufsichtigen. Ohne ein besseres Gesetz und eine finanzielle Mindestausstattung folgt nach den Plänen der Landesregierung ab sofort ein riesiger Verlust an Geschichte.


Stand: 5.4.2013

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