
In diesem Jahr wird der Archäologiepreis der Deutschen Gesellschaft für
Ur- und Frühgeschichte zum dritten Mal verliehen. Lassen sie mich, bevor
ich unsere Preisträger vorstelle und die Begründung für die Verleihung
nenne, daran erinnern, daß die Initiative zur Einrichtung dieses Preises
von unserem kürzlich nach schwerer Krankheit verstorbenen ehemaligen Vorsitzenden
Dr. Jürgen Hoika ausging. Wir sind traurig, daß er nicht mehr bei
uns sein wird und wir vermissen ihn schmerzlich.
1994, anläßlich der Jahrestagung in Eisenach, beschloß die
Mitgliederversammlung die Einrichtung des Deutschen Archäologiepreises,
der aus den Zinserträgen des Stiftungsvermögens verliehen wird. Es
ist zu betonen, daß dieses Stifungsvermögen sich im wesentlichen
aus den Spenden unserer Mitglieder zusammensetzt. Zum Sinn und Zweck des Preises
zitiere ich aus unserer Satzung:
§11 Archäologiepreis.
1). Die Gesellschaft vergibt nach Maßgabe ihrer Möglichkeiten einen
Archäologiepreis. Damit werden herausragende Leistungen auf folgenden Gebieten
gewürdigt: (a) Vermittlung archäologischer Sachverhalte an die Öffentlichkeit;
(b) Archäologische Forschung in Mitteleuropa; (c) Entwicklung und Ausbau
für die Archäologie wichtiger Methoden in der Archäologie und
in Nachbarwissenschaften.
Erstmalig konnte der Preis 1999 in Konstanz verliehen werden. Die ersten Preisträger
waren Prof. Dr. Irwin Scollar und Frau Dipl. Math. Irmela Herzog, die wesentliche
mathematische und statistische Methoden für die archäologische Arbeit
entwickelten.
Die nächste Verleihung erfolgte 2002 in Neuruppin an den "Verein der
Jungen Archäologen der Altmark e.V." für die jahrelange erfolgreiche
Verknüpfung von Jugendarbeit und ehrenamtlicher archäologischer Denkmalpflege.
Schließlich wird der Preis 2005 hier in Worms an die Archäobotanische
Arbeitsgruppe NRW verliehen.
Arie J. Kalis (Universität Frankfurt, Institut für archäologische Wissenschaften Frankfurt) und Jutta Meurers-Balke (Universität zu Köln, Institut für Ur- und Frühgeschichte) sind beide als Pollenanalytiker seit Jahrzehnten in Forschung und Lehre tätig und können auf zahlreiche Publikationen zur Vegetationsgeschichte und zur Rekonstruktion der Lebensumstände prähistorischer und historischer Bevölkerungen zurückblicken. Unterstützt werden sie von Beginn an durch Ingrid Cloß, die für die Aufbereitung und die Erstbestimmung der Pollen im Kölner Labor für Archäobotanik zuständig ist. Alle drei arbeiten seit vielen Jahren an einer Pollenvergleichssammlung. Arie J. Kalis und Jutta Meurers-Balke bemühen sich erfolgreich um die Zusammenarbeit zwischen Universitäten und Denkmalpflege. Daraus ist ein gemeinsames Projekt der Universität zu Köln und der Bodendenkmalpflege im Rheinland und in Westfalen entstanden, in dem Ursula Tegtmeier und Ralf Urz tätig sind. Ursula Tegtmeier ist spezialisiert auf die botanische Bestimmung und archäologische Interpretation von Hölzern und Holzkohlen, Ralf Urz auf die entsprechende Analyse von botanischen Großresten.
Die Arbeitsgruppe verfolgt Arbeitsansätze, die in den letzten Jahren von
Archäologen positiv bewertet und immer wieder als erstrebenswerte, zukünftige
Aufgaben formuliert werden:
1. Interdisziplinarität;
2. Vereinigung von Forschung, Lehre, Denkmalpflege und Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen;
3. Entwicklung neuer archäologischer Arbeitsmethoden;
4. Erfassung und Sicherung von archäologischen Daten;
5. Erfolgreiche Teamarbeit;
6. Zeitnahe Publikationen;
7. Ehrenamtliches Engagement;
8. Vermittlung von Arbeitsergebnissen an die interessierte Bevölkerung;
9. Ein breites Arbeitsspektrum und keine Spezialisierung auf ein enges Zeitfenster.
Lassen sie mich in diesem Zusammenhang einige Eindrücke zum Stichwort
"interdisziplinär" anfügen. Nicht nur aufgrund eigener Projekt-Erfahrung
heraus hat sich bei mir das Bild verfestigt, daß das Etikett "interdisziplinär"
vor allem in DFG-Anträgen steht, weil es envoke ist und man leichter gemeinsam
an Geld herankommt. Bei der Durchführung der Projekte ist dann häufig
von der Gemeinsamkeit bis zur nächsten Antragsphase nicht mehr viel zu
spüren.
Bei unseren Preisträgern sieht dies ganz anders aus. Zwei von ihnen, Jutta
Meurers-Balke und Ursula Tegtmeier, haben nach der Ur- und Frühgeschichte
das Fach Botanik als Hauptstudium betrieben - sind also daher mit Methoden und
Fragestellungen beider Fachrichtungen vertraut. Arie J. Kalis ist zwar "nur"
Botaniker, aber in der Berufsausübung immer schon eng mit der Archäologie
verbunden, wie u.a. aus seiner Zusammenarbeit mit Jens Lüning zur Neolithikumforschung
erkennbar ist. Ralf Urz kommt von der Geologie her und bringt damit eine weitere
Perspektive ein. Installiert ist die Arbeitsgruppe am Institut für Ur-
und Frühgeschichte der Universität zu Köln.
Da hierarchische Strukturen und Einzelkämpfertum ja leider immer noch den Wissenschaftsbetrieb bestimmen und ergebnisorientierte Forschung dabei oft zu kurz kommt, ist die praktizierte Teamarbeit und die Kooperation mit Archäologen unterschiedlicher Spezialisierung für uns ebenfalls ein wesentlicher Grund für die Preisverleihung.
Die Zweige der naturwissenschaftlichen Disziplinen Botanik und Zoologie haben
sich in enger Zusammenarbeit mit den Archäologien von ehemals "Hilfswissenschaften"
zu archäologischen Spezialdisziplinen entwickelt. Dieser Prozess ist keinesfalls
abgeschlossen.
Genügte es den Archäologen anfänglich, in paläolithischem
Kontext, zu wissen, ob die Fauna eine Warm- oder eine Kaltzeit anzeigte, so
wurde das naturwissenschaftliche Interesse in den nacheiszeitliche Perioden
vor allem durch die Vegetationsgeschichte bestimmt, wobei die Pollenanalyse
durch die Abfolge von Klima- und Vegetationsphasen vorrangig als Datierungshilfe
benutzt wurde. Für das Neolithikum und damit der produzierenden Wirtschaftsweise,
wurde es dann wichtig zu wissen, welche Feldfrüchte angebaut worden sind.
Mit dem seit den 1970er Jahren allmählich aufkommenden Interesse an Ökologie,
das heißt an entsprechend komplexen Zusammenhängen und Wechselwirkungen,
sind derartige Fragestellungen auch in der Archäologie angekommen.
Dabei kommt der Archäobotanik eine besondere Bedeutung zu, da sie mit verschiedenen
Methoden bei unterschiedlichsten Erhaltungsbedingungen detaillierten Aufschluß
über die Umwelt von Pflanzen, Tieren und Menschen und der Wechselwirkung
von Mensch und Umwelt geben kann. Damit sind Möglichkeiten zur Rekonstruktion
der natürlichen Voraussetzungen einerseits sowie dem "human impact"
andererseits gegeben. Eine solch wirklichkeitsnahe Illustration der Lebensumstände
kann der herkömmlichen "Artefakt- und Befundarchäologie"
alleine niemals gelingen. Deshalb möchte ich ausdrücklich auf das
enorme Potential botanischer Reste hinweisen. Es handelt sich schließlich
um primäre archäologische Quellen mit sehr weitreichenden Aussagemöglichkeiten.
Eine ständige Verfeinerung der Methoden und Verbesserung der Probengewinnung
steht bei der Arbeit des vorgeschlagenen Teams ebenso im Mittelpunkt wie die
differenzierte archäologische Analyse, die ökologische Rekonstruktion
von Kulturlandschaften und die Sicherung von archäobotanischen Daten.
In diesem Zusammenhang möchte ich auf die enge Zusammenarbeit mit der Bodendenkmalpflege
in NRW verweisen und zitiere dazu aus einem Brief unseres Mitgliedes Prof. Dr.
Heinz-Günter Horn. (Ministerium für Städtebau und Wohnen, Kultur
und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen). Ihn hatte ich gebeten, hier die Laudatio
zu halten, er ist jedoch aus dienstlichen Gründen verhindert.
"Sie haben auch aus Sicht der nordrhein-westfälischen Bodendenkmalpflege
insbesondere deswegen eine gute Wahl getroffen, weil sich diese Arbeitsgruppe
in besonderer Weise und außerordentlich erfolgreich in der Kooperation
mit den hiesigen Bodendenkmalpflegeämtern übt. Die dafür in den
jährlichen Denkmalförderungsprogrammen für die nordrhein-westfälische
Bodendenkmalpflege zur Verfügung gestellten Landesmittel amortisieren sich.
Ich hoffe, dass wir am Ende über eine Vegetationsgeschichte unseres Landes
quer durch die Jahrtausende verfügen, die bundesweit - vielleicht auch
noch weiter - ihresgleichen sucht." - Soweit die quasi amtliche Würdigung.
Zum Stichwort "zeitnahe Publikationen" ein paar Zahlen. 1997 bis 2004 gab es von der Arbeitsgruppe 63 Publikationen mit 1349 Seiten Umfang. Das ergibt einen Durchschnittswert von 7,9 Publikationen mit immerhin 192,7 Seiten pro Jahr. Zu einem großen Teil handelte es sich dabei um Analyse und Auswertung des bearbeiteten Probenmaterials. Neben gängigen Zeitschriften sind auch eine Reihe von Aufsätzen in Museumsführern erschienen. Anleitungen zur Probenentnahme bei Ausgrabungen, Experimente und allgemeine methodische Darlegungen machen einen weiteren inhaltlichen Teil der Publikationen aus.
Seit meinem ersten Semester in Köln war Botanik in Form der Pollenanalyse
präsent. Anfangs natürlich nur durch die damit befaßten Personen:
Prof. Dr. Schüttrumpf, Dr. Jutta Meurers und Ingrid Cloß. Es folgten
die ersten Seminare, garniert mit Pollendiagrammen. Haselgipfel und Ulmenabfälle
stellten schon erhebliche Anforderungen an die studentische Aufmerksamkeit.
Als dann in den 70er Jahren Öko "in" wurde, war das eigentlich
nichts Neues für uns - das hatten wir in Köln doch schon lange mitbekommen.
Nun mittlerweile etwas naturnäher in der Eifel lebend, merke ich oft, wie
wenige Pflanzen wir letztlich kennen. Schaut man dann in Bestimmungsbüchern
nach, stößt man immer wieder auf ehemalige "Nutzpflanzen",
also Nahrungspflanzen und Heilkräuter. Aber auch Faser- und Färbepflanzen
spielten in der Vergangenheit eine wichtige Rolle, nicht zu vergessen Hölzer
als Bau- und Brennmaterial. Von den vielen Nutzungsmöglichkeiten, die in
früheren Zeiten oft überlebensnotwendig waren, sind bei uns allenfalls
noch Kenntnis-Spuren vorhanden.
PflanzenSpuren heißt das überaus erfolgreiche Buch der Arbeitsgruppe, das einen allgemeinverständlichen Überblick der holozänen Vegetationsentwicklung im Rheinland bietet. Nutzpflanzen, die aus archäologischen Befunden stammen, sind nicht nur in ihrer jeweiligen chronologischen und wirtschaftlichen Bedeutung vorgestellt, sondern auch so abgebildet und beschrieben, daß ihre Identifizierung in der Natur möglich ist. Dieses kleine Buch vereinigt fast sinnbildlich alle Elemente der erfolgreichen Arbeit der heute zu ehrenden Gruppe. Wir wünschen Euch weiterhin gutes Gelingen und möget Ihr zu unser aller Nutzen noch viele Jahre aktiv sein.
Abb. Die Träger des Deutschen Archäologiepreises 2005 nach der Verleihung am 6. Mai 2005 in Worms: v.l. Dr. Jutta Meurers-Balke, Dr. Ralf Urz; Ingrid Cloß, Dr. Ursula Tegtmeier und Dr. Arie J. Kalis. Im Hintergrund Prof. Dr. Frank Siegmund und Dr. Werner Schön vom Vorstand der DGUF.
Dr. Werner Schön
Diese Seite wurde erstellt von Maren Siegmann, Stand 17. Juli 2005