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"Ein verfehltes Bild aktueller Archäologie"
"Archäologie in Deutschland" 1/2015 zum Bevölkerungswandel im Neolithikum

Ein Kommentar von PD Dr. Frank Siegmund

In der erfolgreichen, über die engere Fachwelt hinaus verbreiteten Publikumszeitschrift "Archäologie in Deutschland" berichtet ein von der DFG 2007 bis 2013 gefördertes Projekt zusammenfassend über seine Ergebnisse (Friederich et al. 2015). Der Text löst Verwunderung aus. Für die Zeit nach der Bandkeramik in Mitteldeutschland heißt es auf S. 6: "Für die nachfolgenden Kulturen wird es schwieriger, allein anhand genauer archäologischer Verbreitungskarten und deren zeitlicher Einordnung Bewegungen einzelner Kulturgruppen nachzuzeichnen." Nach Meinung der Autoren hängen also Kulturveränderungen selbstverständlich mit Migrationen zusammen, was jedoch archäologisch schwer nachzuweisen sei. Weshalb das Potenzial der Archäologie in diesem Projekt wie folgt beschrieben wird (S. 6): "Zu Erklärung von Kulturwechsels – möglicherweise als Ausdruck von Migrationsphänomenen – bedienen sich Archäologen seit langer Zeit Theorien ethnologischer und soziologischer Provenienz, in der Annahme, historische Prozesse ließen sich auf diesem Wege rekonstruieren, trotz der eingeschränkten Aussagekraft archäologischer Funde. Jedoch erst die Anwendung naturwissenschaftlicher Methoden ermöglicht eine Beantwortung der aufgezeigten Fragen." Später (S. 8) wird die Rolle der Archäologie innerhalb des interdisziplinären Projekts genauer spezifiziert: "Die Kernaufgabe der Archäologie bestand neben der primären Befundaufarbeitung und -vorlage in der typochronologischen Ansprache und daran anschließend in der chronologischen Einordnung der Befunde". Also: Grabungsberichte aufbereiten, Grabpläne zeichnen, Töpfe deklinieren und datieren. Anschließend werden dann die wesentlichen Ergebnisse des Projekts skizziert, z. B. auf S. 9: "Ein deutlich fassbarer Eintrag von Genen aus dem Norden ist mit der Bernburger Kultur festzustellen, der vermutlich mit einer nach Süden gerichteten Expansion der Trichterbecherkultur einherging." Hinzu treten Kartierungen, auf denen satte Farbflächen, dynamisch gebogene Pfeile und geschraffte Flächen gleicher Farbe die Ausbreitungen und Migrationen darstellen. Ganz am Ende heißt es dann (S. 11): "Derzeit kann der neolithische Kulturwandel bzw. Bevölkerungswechsel noch nicht ausreichend über molekulargenetische Analysen nachgezeichnet werden." Man müsse eben die genetische Datenlage verdichten und vor allem auch die nukleäre DNA untersuchen. "Damit werden prähistorische Populationen oder Kulturen anhand ihres molekulargenetischen Profils präziser erfassbar." In Summe also zunächst ein klassisches (und gegenüber der Archäologie arrogantes) Heilsversprechen: Es gibt eine wissenschaftliche Fragestellung, welche von der Archäologie nicht beantwortet werden kann, aber von der Molekulargenetik. Und am Ende die Einsicht, dass das Heilsversprechen nicht eingelöst wurde. Dieses selbstbewusste Auftreten samt Heilsversprechen mag auch andernorts vorkommen und der als notwendig erachteten Prosa von Drittmittelanträgen geschuldet sein – man will ja schließlich seinen Folgeantrag vorbereiten. Doch in einer Publikumszeitschrift ist dieser Duktus weder richtig noch entschuldbar.

Diese Rhetorik ist jedoch letztlich in ihrer Wirkung nicht beunruhigend, weil auch von Nicht-Archäologen leicht dekodierbar. Für ein breites Publikum weniger offensichtlich ist hingegen, dass hier unter dem Mäntelchen äußerster Modernität und naturwissenschaftlicher Objektivität eine Retro-Archäologie betrieben wird, welche die Erkenntnisgewinne und theoretischen Diskurse der letzten 70 Jahre ignoriert. Die Gleichsetzung von Kulturgruppen mit biologischen Gruppen, die unhinterfragte Interpretation einer Ausbreitung von kulturellen Erscheinungen als Wanderung oder gar Expansion, das ist eine biologistisch überprägte kulturgeschichtliche Archäologie, die an Gustaf Kossinna und an (den frühen) V. Gordon Childe anschließt und die nach 1945 in Deutschland zu Recht obsolet war, nachdem sie bereits zuvor nachvollziehbar und vielstimmig kritisiert worden war. Viele gute Bücher und Aufsätze sind seitdem erschienen, welche die Archäologie zu Fragen dieser Art inhaltlich und methodisch weitergeführt haben (z. B. die Lektürevorschläge am Ende des Textes). Sie zeigen, dass eben diese Gleichsetzung von kulturellen und biologischen Gruppen nicht tragfähig ist – und dass Archäologie weitaus mehr tun kann und tut als Töpfe zu klassifizieren. Fast waren sogar diese falschen und suggestiven Karten der oben beschriebenen Art aus den selten aktuellen Schulbüchern verschwunden …

Schade! Denn das Projekt hat, wie insbesondere an den auf S. 9 skizierten Resultaten sichtbar wird (auch: Brandt et al. 2013), spannende Ergebnisse erbracht, wertvolle Einblicke in die sich wandelnden Lebensumstände und den Lebensstandard während des mitteldeutschen Neolithikums. Doch die Zusammenführung von traditioneller physischer Anthropologie, Paläogenetik und Laboranthropologie (hier: stabile Isotope) ist noch keine Interdisziplinarität, wie es sich die Autoren an die Fahne heften. Ohne eine im Projekt starke, fundierte und eben auch in den aktuellen Diskursen orientierte und argumentierende Archäologie kann es Interdisziplinarität und tragfähige historische Ergebnisse nicht geben. In der vorliegenden Form vermittelt der Aufsatz dem breiten Publikum ein verfehltes Bild aktueller Archäologie.

Friederich, S., Nicklisch, N., Ganslmeier, R., Brandt, G., Siebert, A., Dresely, V., Meller, H. & Alt, K. W. (2015). Kulturwandel und Bevölkerungswandel im Neolithikum. Archäologie in Deutschland 1/2015, 6–11.

 

Kommentar vom 5.2.2015

 

Siehe auch:
Brandt, G., Haak, W., Adler, Chr. J. et al. (2013). Ancient DNA Reveals Key Stages in the Formation of Central European Mitochondrial Genetic Diversity. Science vol. 342 no. 6155, pp. 257-261 (11.10.2013). DOI: 10.1126/schience.1241844

Malmström, H., Linderholm, A., Skoglund, P., et al. (2014). Ancient mitochondrial DNA from the northern fringe of the Neolithic farming expansion in Europe sheds light on the dispersion process. The Royal Society, Philosophical Transactions B, vol. 370, issue 1660 (8.12.2014). DOI: 10.1098/rstb.2013.0373

Leseempfehlungen für tiefer Interessierte:
Burmeister, St. & Müller-Scheeßel, N. (Hrsg.) (2006). Soziale Gruppen – kulturelle Grenzen. Die Interpretation sozialer Identitäten in der Prähistorischen Archäologie. Tübinger Archäologische Taschenbücher 5. Münster: Waxmann.

Curta, F. (2013). The elephant in the room. A reply to Sebastian Brather. Ephemeris Napocensis XXIII, p. 163–174.

Mölders, D. & Wolfram, S. (Hrsg.) (2014). Schlüsselbegriffe der Prähistorischen Archäologie. Tübinger Archäologische Taschenbücher 11. Münster: Waxmann. – Darin insbesondere die Stichwörter Ethnos, Kulturbegriff, Kulturwandel und Sozialstrukturen, mit der dort angegebenen Literatur.

Samida, S. & Eggert, M. K. H. (2013). Archäologie als Naturwissenschaft? Berlin: Vergangenheitsverlag.

Siegmund, F. (2014). Kulturen, Technokomplexe, Völker und Identitätsgruppen: eine Skizze der archäologischen Diskussion. Archäologische Informationen 37, S. 53–65 (online am 22. Mai 2014).

Wolfram, H. (1979). Geschichte der Goten: von den Anfängen bis zur Mitte des 6. Jahrhunderts. Entwurf einer historischen Ethnographie. München: Beck.

Wotzka, H.-P. (1997). Maßstabsprobleme bei der ethnischen Deutung neolithischer "Kulturen". Das Altertum 43, S. 163–176.

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